Das Wiener Landl war Montagfrüh gesichert wie der "Block West" in Hütteldorf: Wegen Ausschreitungen am Wiener Derby im Allianz-Stadion vor zwei Jahren tauschten 22 Verdächtige Stehplatz-Tribüne gegen Anklagebank. Alleine die Einvernahme der Verdächtigen dauerte ungefähr drei "Rapid-Viertelstunden". "Es kam zur Erstürmung des Spielplatzes", führte die Staatsanwältin aus. "Menschen wurden mit Mistkübeln, Pyros und Fahnenstangen attackiert, Polizisten verletzt."
Die Angeklagten im Alter zwischen 62 und 20 Jahren bekannten sich bis auf einen "schuldig", waren zur Aussage bereit. "Hände hoch, Hose runter", laute das Motto, so eine Verteidigerin. Brisant: Der Erstangeklagte, verteidigt von Rapid-Mitglied und Anwaltslegende Werner Tomanek, war selbst Fanbeauftragter bei Rapid, hätte bei Tumulten im Stadion für Deeskalation sorgen sollen. Doch es kam anders.
Schon während des Spiels schossen Austria-Hooligans Pyros in den Familiensektor von Rapid Wien. "Dann hat das eine Eigendynamik gekommen", berichtete der 48-Jährige. Fans stürmten das Spielfeld, die Situation eskalierte. Der Fan-Beauftragte wurde mit einer Eckfahne beworfen, schlug damit angeblich zurück – ein Fehler. "Es ist schwer für Ordnung zu sorgen, wenn eine Horde auf dich zurennt", so der Angeklagte. Nach dem Schlag mit der Cornerfahne war der Wiener seinen Job los, dazu setzte es Hausverbot bei Rapid und ein österreichweites Stadionverbot."
"Ich kenne ihn seit 20 Jahren", erklärte Anwalt Tomanek. Sein Mandant sei sicher kein Gewalttäter – im Gegenteil. Die Sicherheitskräfte im Stadion seien bei dem Platzsturm überfordert gewesen, niemand habe die Austria-Fans daran gehindert, auf das Spielfeld zu laufen. "Ich war schon bei vielen Matches, auch im Ausland, aber so ein Multiorganversagen der Einsatzkräfte habe ich noch nie gesehen."
Der Erstangeklagte – er ist jetzt Eventmanager – kam mit einer Diversion davon, entging so einer Vorstrafe. Das Opfer der "Fahnenattacke" war nicht mehr auszuforschen. "Es tut mir unhamlich leid", so der Ex-Fanbeauftragte. Ins Stadion darf er nicht mehr. "Er geht nur mehr zum Curling", witzelt Tomanek.
Die meisten Verdächtigen auf der Anklagebank gehören dem Austria-Lager an. "Schwere gemeinschaftliche Gewalt", lautet der Hauptvorwurf. An insgesamt elf Prozesstagen bis zum 21. April soll die Derby-Eskalation aufgearbeitet werden. Die Unschuldsvermutung gilt.