"Ich erinnere mich, wie sehr mich Baumwollstrumpfhosen oder kratzige Stoffe schon im Kindergarten gestört haben", erzählt Chris Novi (Künstlername) von seiner Kindheit. "Es hat ein Unwohlsein, eine Abneigung vor dem Anziehen ausgelöst". Auch Gerüche habe er bereits von Weitem erkennen können, lacht er: "Ich wusste immer, was es beim Nachbarn zu essen gibt." Kurz: Alle Sinne des gebürtigen Niederösterreicher aus Tulln waren geschärft.
Damals habe er keinen Vergleich gehabt, erinnert sich der 49-jährige. "Ich dachte, alle Menschen sind so." Aber nicht nur die Gefühle übermannten den Buben: "Ich war auch immer da, wo es gebröselt hat. Ein Einbruch, bei dem ich mir das Kennzeichen des Autos gemerkt habe, ein gestohlenes Motorrad, das ich gefunden habe. Als ich Kottan gesehen habe, habe ich meiner Mutter scherzhaft erklärt, ich möchte mal Krimineller werden."
Auch zahlreiche kleine Feinheiten habe er damals schon wahrgenommen: "Ich wusste immer, wenn jemand lügt und habe mein Herz auf der Zunge getragen." Doch diese Art kam bei den Älteren nicht gut an: "Es hieß immer, so etwas fragt man nicht, ich soll nicht so frech sein. Meine Fähigkeiten waren nicht gewollt", weiß er heute.
Im Jugendalter begann Novi schließlich, seine Sinne zu betäuben, trank Alkohol, nahm Drogen. "Ich habe erkannt, dass ich mich ständig anpassen muss in einer Welt, die mich überfordert. Also habe ich einen chemischen Filter eingezogen, ein fehlgeleitetes Belohnungssystem, das Narben hinterlässt." Drogendelikte gehören ebenso zu seiner Geschichte wie Gewalterfahrungen. Seit 2013 ist er trocken, hat heute gelernt, mit seiner Vergangenheit umzugehen, wie er sagt.
Nach dem Präsenzdienst hatte Novi die Ausbildung bei der Polizei begonnen, dabei aber schnell gemerkt, dass es für ihn schwierig war: "Einerseits war ich derjenige, zu dem alle mit ihren Problemen gegangen sind, weil man mit mir gut reden konnte. Das war natürlich schön. Andererseits hieß es ständig, ich soll nicht so sensibel sein, eine dickere Haut bekommen, mich zusammenreißen. Also habe ich den Fehler bei mir gesucht." Auch das Männlichkeitsbild habe eine Rolle gespielt, so der Wahl-Wiener.
Nach Problemen entschied er sich schließlich gegen eine Karriere bei der Polizei. Nach mehreren Versuchen, Fuß in der Jobwelt zu fassen, rutschte er gänzlich ab und landete auf der Straße. Novi war ein dreiviertel Jahr wohnungslos, bis er sich psychologische Hilfe holte – und eine Diagnose bekam.
"Es war für mich zuerst ein Schlag ins Gesicht", berichtet Novi. "All das, was ich immer wegmachen wollte, hatte ich nun schwarz auf weiß." Dennoch folgte die Erkenntnis: "Es ist mir in die Wiege gelegt worden. Es ist kein Fehler von mir, ich kann nichts dafür. Und ich brauche nicht mehr kämpfen." Der Vater einer 17-jährigen Tochter begann zu schreiben, zu malen und zu komponieren.
Heute ist Chris Novi als multimedialer Künstler tätig, singt, schreibt Lieder und Bücher. Aufgrund seiner Berufsunfähigkeit widmet er seine Zeit nun der Hilfe für andere Betroffene im Rahmen einer Selbsthilfegruppe. "Ich will nicht berühmt werden, aber ein geerdetes Leben führen. Jede Krise kann der Anfang von etwas Neuem sein.
Die Selbsthilfe zeigt, man muss es nicht alleine stemmen. Ich möchte mich sozial engagieren und so etwas zurückgeben, sei es durch die Arbeit bei der Gruppe, aber auch nur durch ein Lächeln oder ein 'wie geht's' auf der Straße. Das ist meine Pflicht als Hochsensibler, weil ich Dinge intensiver und komplexer wahrnehme", erzählt Chris Novi. Seine Story ist nicht lückenlos nachprüfbar, basiert auf seinen eigenen Angaben.