Während heute manche teils stundenlang im Bad verbringen werden, um ihr Halloween-Make-up zu perfektionieren, sieht der Abend bei anderen ganz anders aus: Keine Party, keine Kostüme, sondern Couch, Popcorn und ein Horrorfilm.
Und auch wenn nicht jede:r Lust auf blutige Kostüme hat (der Trend aus den USA, sich stattdessen als Comicfigur, Filmcharakter oder sogar als Gegenstand zu verkleiden, wird ohnehin immer größer), ist Gruseln für viele von uns an den letzten Oktobertagen fast schon ein Pflichtprogramm.
Gemeinsam oder alleine - die Lust, sich zu fürchten, erreicht an diesen Tagen ihren Höhepunkt, aber warum eigentlich? Warum suchen wir bewusst die Angst, die wir eigentlich ungern spüren? Und was passiert dabei mit unserem Körper?
Das Gefühl ist ein Urinstinkt: Angst schützt, warnt und sichert das Überleben. Doch irgendwann haben wir gelernt, sie auch freiwillig zu suchen. Der einzige Unterschied im Vergleich zu gefährlichen Situationen ist, dass wir beim Horrorfilm-Schauen wissen, dass wir in Sicherheit sind.
Das Prinzip wird in der Psychologie als Protective Frame genannt - auch wenn man offen gesagt während des Filmschauens gelegentlich wirklich glaubt, der Horrorclown hat es auf uns abgesehen. Unser Gehirn reagiert auf den Film dann auch so, als wäre die Bedrohung real, der Verstand weiß aber: Ich bin sicher. Genau dieser Mix aus Stress und Kontrolle macht süchtig.
Außerdem spielt noch das sogenannte Sensation Seeking mit: die Suche nach intensiven Gefühlen. Und Horrorfilme sind der ideale Spielplatz für genau diesen Wunsch.
Zusätzlich zeigen Studien, dass Menschen, die regelmäßig solche kontrollierten Angstmomente erleben, im Alltag gelassener reagieren. Der Grund: der Körper hat gelernt, dass Angst kommen und gehen darf.
Auch wenn wir wissen, dass es nur ein Film ist, glaubt der Körper uns in dem Moment nicht. Die Amygdala, das Angstzentrum im Gehirn, reagiert so schnell, noch bevor das Bewusstsein eintritt, dass es sich nur um Fiktion handelt.
Das Ergebnis: Der Puls steigt, die Atmung wird schneller, die Muskeln spannen sich an und die Pupillen weiten sich. Zeitgleich wird ein Hormoncocktail gemixt: In Sekundenbruchteilen werden Adrenalin undNoradrenalin ausgeschüttet, was zu erhöhtem Blutdruck und einem schnelleren Herzschlag führt. Kurz darauf kommt das Stresshormon Cortisol, was uns fokussiert hält, worauf Dopamin es ablöst. Die Folge ist das Gefühl von Belohnung, Euphorie und Erleichterung. Schlussendlich wird der Hormon-Mix mit Oxytocin beendet. Das Bindungshormon kommt besonders beim gemeinsamen Gruseln dazu, was Bindung und Vertrauen zwischen unseren Mitmenschen stärkt.
Das alles zusammen gibt eine Art emotionalen Intervall-Run: Von kurzzeitigem Stress bis hin zur Entspannung. Tatsächlich gibt es in diese Richtung Studien, die zeigen, dass dieser positive Stress (Eustress genannt) gut für uns sein können. Der erhöhte Puls bringt den Kreislauf in Schwung, die Stresshormone mobilisieren Energie und danach folgt die Phase intensiver Entspannung.
Dieser Prozess kann das Immunsystem stimulieren - manche Forschende vergleichen das mit der Wirkung einer kurzen Sporteinheit. Neben den körperlichen Effekten bietet laut Forschungen auch Horror psychologisches Potenzial. Wir lernen, Angst nicht zu vermeiden, sondern auszuhalten.
Langfristig stärkt das die Resilienz, also die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen. Wer also gelernt hat, in fiktiven Extremsituationen Ruhe zu bewahren, behält auch im echten Leben öfter einen klaren Kopf.
Nach all den Informationen könnte man denken, man muss jetzt Horrorfilme schauen, um körperlich und geistig fit zu bleiben. Aber klar, es gibt auch Grenzen: Wer besonders ängstlich ist, unter Schlafstörungen oder auch traumatischen Erfahrungen leidet, sollte vorsichtig sein. Der "Safe Space" darf nie verloren gehen - also so lange man nach dem Horrorfilm schlafen kann, war die Dosis genau richtig.
Apropos Dosis: Gemeinsam Horrorfilm schauen kann nicht nur zu einem schönen Ritual an Halloween werden, sondern auch durch das Teilen der Emotionen die Bindung stärken. Und wenn man wirklich gar kein Fan von Horror und Co ist: Ein Comedy-Film tut's auch.