Sie sind die Publikumslieblinge im Zweierbob dieser Spiele: Junior Harris und Shane Pitter. Die beiden Jamaikaner begeistern mit ihrer unkonventionellen Art, Bob zu fahren, und mit ihrer spürbaren Freude am Sport das Publikum auf der Eisbahn von Cortina. Bei vielen werden Erinnerungen wach – an "Cool Runnings", jenen fiktiven Spielfilm über die erste olympische Teilnahme eines jamaikanischen Teams im Jahr 1988. "Ich habe den Film schon einmal gesehen, und er hat mich motiviert, besser zu werden", gesteht Pilot Pitter am "Heute"-Mikro.
Dass ausgerechnet sie Jamaika bei diesen Spielen vertreten, ist kein Zufall. Nach dem letzten Platz 2022 in Peking will Manager Ronaldo Reed einen Neuanfang. Er castet gezielt junge Jamaikaner, die für Olympia in Cortina infrage kommen könnten. Pitter begleitet zunächst nur einen Freund zu diesem Casting. Dort wird er gefragt, ob er es nicht selbst versuchen wolle. Vom Bobsport hat er bis dahin noch nie gehört. "Sie sagten zu mir, ich müsse in einer kleinen Box den Berg hinunterfahren, schnell laufen und schnell hineinspringen. Da wollte ich es unbedingt ausprobieren", erzählt er.
Auch Anschieber Junior Harris findet über ein Casting den Weg in den Eiskanal. Doch er bringt noch eine zweite Leidenschaft mit: das Sprinten – gewissermaßen die Nationalsportart im Land von Usain Bolt. "Über 100 Meter liegt meine persönliche Bestzeit bei 10,32 Sekunden. Das mache ich vor allem im Sommer, es ist ein gutes Training für das Bobfahren", sagt Harris, der mit Pitter und zwei weiteren Teamkollegen auch im Viererbob an den Start geht. Zum Vergleich: Der österreichische Rekord liegt bei 10,08 Sekunden, aufgestellt 2023 von Markus Fuchs. Für Jamaikas Sprint-Nationalteam reicht es für Harris nicht – also wechselt er in den Eiskanal.
Doch aller Anfang ist schwer, auch bei den beiden. Die ersten Fahrten in Lake Placid gehen gehörig daneben. "Bei meinen ersten drei Läufen bin ich jedes Mal gecrasht. Da habe ich mir gedacht: Wo bin ich hier gelandet?", verrät Pitter. Nach dem ersten Schock fasst er einen Entschluss. "Ich bin nach Hause gegangen und habe mir geschworen, keinen Crash mehr zu bauen." Schon am zweiten Tag gelingt ihm das – seither entwickelt er sich Schritt für Schritt weiter, schmunzelt der 26-Jährige, der nebenbei sein Geld als Fischer verdient.
Die Qualifikation gelingt ihnen in Lake Placid im zweitklassigen Nordamerika-Cup, wo sie die Konkurrenz hinter sich lassen. Mit Blick auf die Zukunft sind sich beide einig: In der kommenden Saison soll es erstmals in den Weltcup gehen. Dafür ziehen sie sogar nach Europa. Das Ziel ist klar formuliert. "Wir wollen 2030 für unser gesamtes Team und unser Land Olympia-Gold holen", sagen sie entschlossen. Eine Vision, die fast schon filmreif klingt – und sollte sie gelingen, wäre es eine Geschichte, die kein Drehbuch besser schreiben könnte.