Für Anime-Fans ist ihre Stimme unverwechselbar. Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Megumi Ogata als Synchronsprecherin und lieh einigen der bekanntesten Figuren der Anime-Welt ihre Stimme.
Allen voran Shinji Ikari aus dem Kult-Anime "Neon Genesis Evangelion". Jüngere Fans kennen die Japanerin außerdem als Yuta Okkotsu aus "Jujutsu Kaisen".
Doch genau diese Stimme wird für Ogata mittlerweile zum Problem.
Im Internet tauchen KI-Modelle auf, die ihre Stimme täuschend ähnlich imitieren können. Nutzer müssen teilweise lediglich einen beliebigen Text eingeben – anschließend klingt es, als würde eine von Ogatas Figuren genau diese Worte sprechen. Teilweise können die künstlich erzeugten Stimmen sogar kommerziell verwendet werden.
Für die 61-Jährige ist damit eine Grenze überschritten.
Gegenüber der japanischen Zeitung "Mainichi Shimbun" spricht Ogata ungewöhnlich deutlich über ihre Erfahrungen. Sie habe bereits mehrfach Inhalte entdeckt, für die ihre Stimme ohne Zustimmung künstlich nachgebildet worden sei.
"Es ist extrem unangenehm, und ich kann das nicht verzeihen", erklärt sie.
Besonders verstörend: Mit ihrer künstlich erzeugten Stimme seien unter anderem sexuell explizite Aussagen erstellt worden, die Ogata selbst niemals gesprochen hatte. Auch Material aus Anime-Produktionen, an denen sie beteiligt war, sei verändert worden.
Einige dieser Inhalte hätten sie derart verstört, dass sie diese nicht weiter ansehen konnte.
Für Ogata geht es dabei um wesentlich mehr als nur darum, dass jemand ihren Klang kopiert.
Bereits Ende Juli erklärte sie gegenüber dem japanischen Sender TBS, dass Schauspieler und Synchronsprecher einen Teil von sich selbst in ihre Figuren stecken würden. Entsprechend groß sei ihre Wut darüber, wenn diese Stimmen anschließend ohne Erlaubnis für KI-Modelle verwendet werden.
Ihre Stimme sei ein Teil ihrer eigenen Identität. Für sie sei nicht nachvollziehbar, warum jemand sie damit beliebige Dinge sagen lassen und anschließend sogar Geld damit verdienen dürfe.
Das Problem betrifft längst nicht nur Ogata.
KI-Systeme können mit bestehenden Sprachaufnahmen trainiert werden und anschließend neue Sätze mit einer ähnlich klingenden Stimme erzeugen. Gerade berühmte Synchronsprecher bieten dafür enorm viel Ausgangsmaterial: Über Jahre oder sogar Jahrzehnte existieren Tausende Aufnahmen aus Anime, Filmen, Videospielen, Interviews und Veranstaltungen.
Mittlerweile beschäftigt die Entwicklung sogar die japanische Politik.
Ein Expertenausschuss des Justizministeriums unterstützte Ende Juli einen Entwurf, nach dem auch die Stimmen berühmter Personen über das sogenannte "Right of Publicity" geschützt werden sollen.
Werden Stimmen ohne Erlaubnis durch KI nachgebildet und kommerziell verwendet, könnten Betroffene demnach unter bestimmten Umständen Schadenersatz verlangen oder die Löschung entsprechender Inhalte fordern. Bislang gibt es in Japan allerdings noch kein Gerichtsurteil, das eindeutig festlegt, wie weit dieser Schutz bei einer Stimme reicht.
Wie ernst das Problem inzwischen geworden ist, zeigt ein weiterer prominenter Fall aus der Anime-Welt.
Synchronsprecher Kenjiro Tsuda – unter anderem die japanische Stimme von Kento Nanami in "Jujutsu Kaisen" und Seto Kaiba in "Yu-Gi-Oh!" – klagt gegen den Betreiber von TikTok. Mindestens 188 Videos sollen dort mit einer KI-Stimme veröffentlicht worden sein, die seine Stimme imitierte. Ein einzelner Account soll damit monatlich umgerechnet mehrere Tausend Euro verdient haben.
Für Ogata geht es deshalb längst auch um die nächste Generation von Synchronsprechern. Sie fordert klare Regeln dafür, was mit den Stimmen von Künstlern gemacht werden darf.
Denn eine Entwicklung will der "Evangelion"-Star offenbar nicht akzeptieren: Dass irgendwann jeder Shinji sprechen lassen kann – ohne dass Shinji dafür noch Megumi Ogata braucht.