Diese Schule ist nur zwei U-Bahn-Stationen von der Wiener Innenstadt entfernt und doch sind es komplett verschiedene Welten. Ort des Geschehens ist eine Volksschule nahe dem Gürtel. "In meiner Klasse hat niemand Deutsch als Muttersprache", sagt die junge Lehrerin zu "Heute". Das Problem ist deutlich größer: "Wir haben hier ein paar Hundert Schüler, davon haben nur vier Kinder Deutsch als Muttersprache."
Viele wollen diese Umstände nicht wahrhaben, aber hier herrscht pädagogischer Notstand. Vor zwei Jahren sagte diese junge Lehrerin – die verständlicherweise anonym bleiben will – zu "Heute": „Drei meiner Schüler sind Analphabeten. Sie kennen keinen einzigen Buchstaben – sie können nicht einmal ihren Namen schreiben."
Die Pädagogin kämpfte mit aller Kraft, um aus diesen Kindern gute Schüler zu machen. Sie schaffte es. Doch im vergangenen September, zu Beginn des aktuellen Schuljahrs, kam der nächste große Dämpfer: "Ich unterrichte jetzt eine dritte Klasse und habe sechs neue Burschen, sie sind bereits zweimal durchgefallen, deswegen landen sie jetzt bei mir!" Noch einmal: Diese Kinder haben bereits in der Volksschule zweimal den Aufstieg in die nächste Klasse NICHT geschafft! Die Auswirkungen auf die Klasse seien fatal.
"In meiner Klasse sprechen drei Viertel der Kinder Arabisch als Muttersprache." An sich kein Problem, so die 24-jährige Lehrerin. "Aber während ich versuche, den Unterricht auf Deutsch zu halten, sprechen sie untereinander ihre Sprache und stören."
Viele Kinder besuchen seit Jahren die Schule, einige sind in Österreich geboren – doch ihr Deutsch reicht kaum um mitzukommen. "Sehr häufig haben sie bildungsferne Eltern, zu Hause wird ihnen nicht erklärt, wie wichtig Sprache und Lernen sind", sagt sie.
Die durgefallenen zehn- bis elfjährigen Buben drücken das Niveau – zum Leid der anderen Schüler, die acht Jahre alt sind. "Die Sprachkenntnis dieser älteren Buben ist deprimierend. Eigentlich sollten sie schon kurze Geschichten schreiben können – ich bin allerdings froh, wenn sie einzelne Gegenstände benennen können."
Sätze wie "Ich gehe Pause" oder "Ich spiele Fußball" sind das Maximum. Grammatik? Fehlanzeige. "Diese Kinder werden nächstes Jahr Schularbeiten schreiben müssen – das werden die nicht schaffen", fürchtet sie.
Hoffnung sieht die Pädagogin nur, wenn Klassen durchmischter werden. Zwei Kinder mit massivem Förderbedarf pro Klasse wären machbar: "Dann würden sie es vielleicht cool finden, Deutsch zu lernen." Gruppenzwang könnte wirken.
Doch aktuell ist die Realität bitter: Interesse am Lernen? Null. Immer wieder hört die verzweifelte Lehrerin denselben Satz: "Habe nicht gelernt – ist mir egal."
Vor einigen Tagen wurden diese Zahlen publik: In Wiens Schulen können bis zu 77 Prozent der Erstklässler nicht gut genug Deutsch, um dem Unterricht zu folgen. Im Stadtschnitt sind es immerhin 51 Prozent.