Sie sind unter 14, teils mehrfach auffällig – und für Polizei wie Justiz kaum greifbar. In Wien eskaliert die Jugendgewalt seit Monaten spürbar. Raubüberfälle, Einbrüche, Drohungen: Jugendbanden sorgen in mehreren Bezirken für Verunsicherung, Anrainer sprechen von Kontrollverlust.
Besonders brisant: Viele der Täter sind strafunmündig. Das Strafrecht greift nicht, Konsequenzen bleiben oft aus. Polizei und Jugendhilfe stoßen damit immer öfter an ihre Grenzen – der Druck auf die Stadt wächst.
Wie massiv die Lage ist, zeigten zuletzt mehrere Prozesse vor dem Landesgericht Wien. Zwei Angeklagte, 14 und 15 Jahre alt, mussten sich wegen schwerer Raubüberfälle und Einbruchserien verantworten. Beide galten trotz ihres jungen Alters bereits als polizeibekannt.
In einem der Fälle wurde ein 15-Jähriger nach einem Polizeiverhör auf freien Fuß gesetzt – und soll nur Minuten später erneut zugeschlagen haben. In einem weiteren Verfahren ging es um eine Serie von Überfällen rund um die U1-Station Kagraner Platz. Ermittler sprachen vom gezielten Ausnutzen der Strafmündigkeitsgrenze.
Vor diesem Hintergrund zieht die Stadt Wien nun die Notbremse. Noch im Frühjahr soll ein Pilotprojekt für besonders problematische strafunmündige Jugendliche starten. Die Magistratsabteilung für Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) bestätigte entsprechende Recherchen, ein detailliertes Konzept wird derzeit ausgearbeitet.
Wie der ORF berichtet, ist eine geschlossene "Auszeit-WG" geplant. Dort sollen Kinder mit hoher Selbst- oder Fremdgefährdung nach schweren Vorfällen vorübergehend angehalten werden können – befristet auf maximal sechs Wochen.
Als rechtliche Grundlage will Wien das Heimaufenthaltsgesetz heranziehen, die genauen Kriterien werden noch festgelegt. Ab Beginn der Maßnahme prüft eine Bewohnervertretung den jeweiligen Fall, gegebenenfalls wird das Bezirksgericht eingeschaltet.
"Entscheidet man dort, dass eine Anhaltung nicht gerechtfertigt ist, geht der Fall zum Bezirksgericht, dann müssen wir die freiheitsbeschränkende Maßnahme wieder aufheben", sagte MA-11-Sprecherin Ingrid Pöschmann.
Zum Start sind zwei Plätze vorgesehen. Pöschmann spricht von einem Modellprojekt. "Aus der Forschung wissen wir, dass kleine Settings hier wesentlich wirkungsvoller sind." Eine bundesweite Regelung existiert derzeit nicht.
Die Stadt betont, dass es sich nicht um Haft handelt. Die WG wird ohne Überwachungskameras oder Sicherheitsdienste geführt, der Fokus liegt auf Pädagogik. Elternbesuche sollen möglich sein, das Betreuungsteam ist rund um die Uhr anwesend.
In der ersten Phase dürfen die Jugendlichen die Einrichtung nur für Arzt- oder Behördenwege und nur in Begleitung verlassen. Bei positivem Verlauf sind schrittweise Ausgänge geplant.
"Das Ziel ist, die Kinder so kurz wie möglich anzuhalten, um dann in eine Lockerung zu gehen", so Pöschmann. Parallel arbeitet auch das Justizministerium an neuen rechtlichen Lösungen für unmündige Intensivtäter.