Klimaschutz

Wasser wird knapp – "Können das nicht mehr verhindern"

2022 war das zweitwärmste Jahr seit Messbeginn vor 255 Jahren in Österreich. Die Gletscher schmelzen im Rekordtempo – mit fatalen Folgen für alle.

Roman Palman
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Blick auf die Pasterze am Großglockner. Wo sich vor 100 Jahren noch Eismassen türmten, ist heute nur noch ein Gletschersee. Aufgenommen im Juli 2022.
Blick auf die Pasterze am Großglockner. Wo sich vor 100 Jahren noch Eismassen türmten, ist heute nur noch ein Gletschersee. Aufgenommen im Juli 2022.
EXPA / APA / picturedesk.com

Mit einer bundesweiten Temperaturabweichung von plus 2,3 Grad zum klimatischen Mittel des Zeitraums 1961 bis 1990 schoss das vergangene Jahr 2022 auf den zweiten Platz der wärmsten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen vor 255 Jahren. 

Hohe Sommertemperaturen, eine geringe Schneedecke und hohe Mengen an Saharastaub sorgten für eine rasche Gletscherschmelze. Die österreichischen Gletscher verloren dabei im Mittel drei Meter Eisschicht, das war in etwa doppelt so viel Masse wie im Schnitt der vergangenen 30 Jahre. Das zeigt der neue Klimastatusbericht 2022 (siehe Infobox unten).

Gletscher sorgen für Ausgleich

Die Folgen sind gravierend. Während die direkten Auswirkungen des abschmelzenden Eises und auftauender Permafrostböden in Form von vermehrten Steinschlägen, Felsstürzen und Murenabgängen eher regionaler Natur sind, hat ein solcher Eisverlust auch enorme Auswirkungen auf den Wasserkreislauf, die Biodiversität, die Schifffahrt und Energiewirtschaft beinahe im gesamten Land.

Aktuell liegen etwa zehn Prozent der in Österreich gespeicherten Wasserreserven als Gletscher in den Alpen. Der größte von ihnen ist die Pasterze am Großglockner. Weil diese schon lange für motorisierte Besucher leicht zugänglich ist, lässt sich die gravierende Entwicklung eindrücklich anhand von Fotos und Bildern zurückverfolgen:

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    So kennt kein lebender Mensch mehr die Pasterze. Die Farblithographie entstand um <strong>1880</strong> und zeigt den riesigen Gletscher und das Glocknerhaus.
    So kennt kein lebender Mensch mehr die Pasterze. Die Farblithographie entstand um 1880 und zeigt den riesigen Gletscher und das Glocknerhaus.
    akg-images / picturedesk.com

    In den Sommermonaten sorgen die Gletscher mit ihrem Schmelzwasser für einen konstanten Pegelstand in den Gebirgsbächen und nachgelagerten Flüssen. Sie stabilisieren so den heimischen Wasserkreislauf.

    Der gerät nun ins Wanken: Schmelzen uns die Gletscher in den nächsten Jahrzehnten komplett weg – danach sieht es leider aus – dann fehlt auch im Sommer ihr Wasser in den heimischen Fließgewässern. Deren Pegelstand hängt künftig dann allein von den stark veränderlichen Regenmengen ab. Starke Schwankungen werden zunehmen.

    VIDEO: Extremer Rückgang der Gletscher in Österreich

    Was das bedeutet

    Führen die Flüsse in Zukunft weniger Wasser, so hat das Auswirkungen auf alle nachgelagerten Nutzungen, von der Energieerzeugung aus Wasserkraft, über die Kühlwassernutzung großer Unternehmen, die Trinkwasserversorgung bis hin zu Entnahmen für die Landwirtschaft.

    "Punktuell und temporär kann es bei ausbleibenden Sommerniederschlägen künftig zu Engpässen und Nutzungskonflikten kommen", heißt es im Klimastatusbericht. 

    Als wäre das noch nicht genug, gibt es noch einen weiteren Faktor: die zu erwartende Reduktion beim Verdünnungseffekt für den Eintrag von Abwässern aus Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft. Dies kann durch Wechselwirkungen mit hohen Temperaturen zu ökologischen Problemen führen. Beispiele, wie das Fischsterben in der Oder im Sommer 2022, gibt es dafür bereits.

    "Wasserknappheit ein zunehmendes Problem"

    "Wir müssen davon ausgehen, dass sich die Gletscher in den nächsten 20 Jahren – ganz unabhängig, von welchem Szenario man ausgeht – halbieren werden. Wir können das nicht mehr verhindern", so Herbert Formayer, wissenschaftlicher Leiter des Berichts und Professor am Institut für Meteorologie und Klimatologie der Universität für Bodenkultur Wien.

    "Nach dem Jahr 2040 ist damit zu rechnen, dass Wasserknappheit insbesondere bei längeren Trockenperioden im Sommer regional ein zunehmendes Problem darstellen wird", warnen Formayer und die anderen Autoren im Fazit ihres Berichts. Die Wissenschaftler mahnen deshalb, dass sich Politik, Wirtschaft und Bevölkerung mit dem "totalen Verlust der Gletscher" auseinandersetzen müssten, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.

    Politische Stimmen zum Klimastatusbericht

    "Die Auswirkungen der Klimakrise sind bereits heute deutlich spürbar: Extremwettereignisse, Dürreperioden, Gletscherschwund – dafür ist die Klimakrise verantwortlich. Steigen die Temperaturen in den Bergen noch weiter, schmilzt das Eis noch schneller. Der Bericht verdeutlicht erneut, dass wir jedes Jahr und auf allen Ebenen ambitionierten Klimaschutz brauchen", so Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne).

    Geschäftsführer des Klima- und Energiefonds Bernd Vogl: "Wir sind alle gefordert, Anpassungsstrategien an den Klimawandel umzusetzen. Der Klimastatusbericht hilft uns dabei, Maßnahmen zu fördern, die dazu beitragen, unsere Gesellschaft und Infrastruktur widerstandsfähiger gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels zu machen und uns auf eine nachhaltige Zukunft vorzubereiten."

    "Der Gletscherschwund aufgrund des Klimawandels hat für Österreich bereits weitreichende Folgen. Es geht dabei nicht nur mehr allein um den Wintertourismus, sondern insbesondere um die lebensnotwendige Ressource Wasser für die Menschen, die Wirtschaft und unsere Naturgebiete", so Ursula Lackner, steirische Umweltlandesrätin (SPÖ) und Vorsitzende der Landesklimaschutzreferenten: "Der vorliegende Bericht ist aber auch ein Weckruf. Denn er zeigt klar: Die Anstrengungen zum Klimaschutz müssen weiter intensiviert werden, um die überlebensnotwendigen Klimaziele zu erreichen."

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