Wien wurde lange Zeit als lebenswerteste Stadt der Welt gefeiert. Jetzt fühlen sich immer mehr Menschen von Bandenkriminalität bedroht. Aktuell sorgt ein Prozess für Aufruhr: 24 Angeklagte sollen im Vorjahr mit Macheten und Messern bewaffnet in Meidling Afghanen attackiert haben (der Prozess begann am Donnerstag). Viele sprechen von Bandenkriegen.
Wir haben bei Wienern in Meidling nachgefragt, wie sicher sie sich in der eigenen Stadt eigentlich noch fühlen.
>>> Im Video: Das haben Wiener mit Jugendbanden erlebt.
"Da muss man etwas unternehmen, es wird immer schlimmer", sagt Katharina (56) sichtlich aufgebracht. Sie selbst wurde beim Geldabheben von zwei junge Männer angesprochen. "Sie wollten mein Geld haben. Schlussendlich haben sie mir meine tausend Euro, die ich für den Urlaub abgehoben habe, weggenommen und ich musste die Polizei holen."
Auch im Alltag vieler Berufstätiger ist die Veränderung deutlich spürbar. Elisabeth (57), die im 15. Bezirk arbeitet, meint: "Man liest es in den Medien – und erlebt es selbst. Die Drogenkriminalität ufert aus." Ein Erlebnis habe sie besonders erschüttert: Als sie einem Obdachlosen helfen wollte, sei sie beschimpft worden. "Ich helfe heute niemandem mehr."
Der 18-jährige Armin beobachtet vor allem eines: Spaltung. "Es sind viele Gruppierungen, jeder gegen jeden", sagt er. Für ihn ist klar: Er meidet solche Situationen konsequent und geht Problemen aus dem Weg.
Besonders Frauen berichten von wachsender Angst – vor allem abends. Joana (55), die häufig spät arbeitet, sagt: "Man fühlt sich nicht mehr sicher. Man passt auf die Tasche auf, redet nicht mehr mit Fremden." Dunkle Gassen seien für sie tabu, mehrmals habe sie sich verfolgt gefühlt.
Junge Frauen fühlen sich vor allem von Gruppen bedrängt. Anja (24) erzählt von ihren Erlebnissen rund um den Bahnhof Meidling: "Da stehen oft Jugendgruppen. Als Frau wird einem etwas zugerufen. Ich gehe dann schnell vorbei und hoffe, dass sie mich in Ruhe lassen."
„Ich helfe heute niemandem mehr.“Elisabeth (57)
Doch nicht nur Frauen sind betroffen. Franz (43) berichtet von verbaler Gewalt mitten im Alltag: "Die Gewalt nimmt zu – man muss sich nur umsehen." Auf einer Rolltreppe sei er völlig grundlos als Nazi beschimpft worden. "Einfach so."
Die Stimmen sind eindeutig: Angst, Aggression und Unsicherheit gehören für viele Wiener mittlerweile zum Alltag.