Kaum ein anderer Ort in Wien sorgt derzeit so häufig für Schlagzeilen wie das Grätzl rund um den Viktor-Adler-Markt. Immer wieder kommt es zu Schlägereien, Messerattacken und Großeinsätzen der Polizei. Viele Bewohner berichten von einem zunehmenden Unsicherheitsgefühl.
Jetzt erhebt ein Familienvater schwere Vorwürfe – und spricht aus, was sich viele Anrainer denken: "Hier kann man nicht mehr leben." Der Mann, der seit zehn Jahren in Favoriten lebt, möchte aus Angst vor möglichen Repressalien anonym bleiben. In dem Artikel nennen wir ihn Ali* (Name von der Redaktion geändert*)
Ali ist Kurde kam vor vielen Jahren selbst als Flüchtling aus der Türkei nach Österreich. Bis heute sei er dem Land dankbar. "Ich bin selbst geflüchtet und lebe seit 24 Jahren in Österreich. Dieses Land hat mir die Möglichkeit gegeben, mir Schritt für Schritt ein Leben aufzubauen, wofür ich bis heute sehr dankbar bin", erzählt er im Gespräch mit "Heute". Gerade deshalb falle es ihm schwer, die negative Entwicklung seines Wohnviertels in Favoriten mitanzusehen.
"Als Bewohner rund um den Viktor-Adler-Markt bin ich mittlerweile wirklich wütend und enttäuscht über die Situation. Ich lebe hier und erlebe, wie sich unser Grätzl verändert hat", erzählt er weiter.
Ali schildert zudem, dass er sich heute deutlich unsicherer fühle als noch vor einigen Jahren. "Es gibt immer wieder Müll, Verschmutzung und eine Atmosphäre, die viele Bewohner belastet. Besonders am Abend geht man teilweise mit einem unguten Gefühl aus dem Haus." Vor 10 Jahren haben ihn die blutigen Schlagzeilen noch schockiert – mittlerweile sei es Alltag und nichts Außergewöhnliches mehr.
Besonders erschüttert zeigt sich der Anrainer über den Umgang mit Passanten. "Was mich besonders ärgert, ist, dass es immer wieder zu respektlosem Verhalten gegenüber Passanten kommt. Frauen werden teilweise belästigt, angemacht oder fühlen sich unwohl, wenn sie durch die Gegend gehen. Auch Streitigkeiten und aggressive Wortwechsel gehören leider immer öfter zum Alltag."
Er erzählt, dass er regelmäßig beobachtet, wie Personen mit Messern oder ähnlichen Gegenständen in der Öffentlichkeit hantieren. Das alles sorge für ein Gefühl von Unsicherheit. Niemand möchte gern in einen Streit mit einer Person geraten, die ein Messer bei sich hat.
Am meisten enttäusche ihn jedoch das Gefühl, mit den Problemen allein gelassen zu werden: "Man hat das Gefühl, dass die Politik und die Verantwortlichen diese Probleme nicht ernst genug nehmen. Wir Bewohner müssen mit diesen Zuständen leben, obwohl wir uns einfach nur wünschen, sicher und in Ruhe in unserem eigenen Viertel leben zu können."
Sein Appell richtet sich an die Politik und die Behörden: "Ich wünsche mir, dass endlich hingeschaut und gehandelt wird – nicht erst dann, wenn etwas Schlimmes passiert. So kann man hier nicht mehr leben." Ali ist bereits auf der intensiven Suche nach einer Wohnung in einem anderen Bezirk. Am liebsten möchte er mit seiner Familie ins Grüne in der Wiener Donaustadt.