Mit "Lego Batman: Das Vermächtnis des Dunklen Ritters" versucht TT Games etwas, das lange als unmöglich galt. Nach Jahren voller Lizenzspiele mit ähnlichem Aufbau will das Studio die eigene Formel drastisch verändern, ohne dabei den typischen Lego-Charme aufzugeben. Das Ergebnis ist ein Spiel, das sich in vielen Momenten fast wie eine Mischung aus klassischem Lego-Abenteuer und der bekannten "Arkham"-Reihe anfühlt – nur eben mit Plastiksteinen, Slapstick und absurd überzeichneten Figuren. Statt sofort hunderte Charaktere freizuschalten und durch kleine Mini-Level zu hetzen, konzentriert sich das Abenteuer zunächst fast ausschließlich auf Bruce Wayne und seinen Weg zum Dunklen Ritter.
Die Geschichte springt durch verschiedene Abschnitte aus Batmans Karriere, verbindet dabei aber Motive aus Comics, Filmen, Serien und älteren Spielen. Genau dieser Ansatz macht das Spiel interessant, sorgt aber stellenweise auch für Probleme. TT Games greift tief in die Batman-Geschichte. Szenen erinnern sichtbar an die Filme von Tim Burton, an "Batman Begins", an "The Dark Knight", an die Zeichentrickserie der 1990er-Jahre und sogar an moderne Comics wie "Zero Year". Gleichzeitig versucht das Studio, daraus eine zusammenhängende Geschichte zu bauen. Das klappt erstaunlich oft, Gotham wirkt wie ein Sammelbecken aus 86 Jahren Batman-Geschichte: Überall bekannte Gebäude, Figuren zitieren ikonische Momente.
Trotzdem bleibt das Spiel bewusst albern. Während andere Batman-Spiele auf Härte und Ernst setzen, lässt "Lego Batman" seine Figuren mitten in dramatischen Situationen plötzlich tanzen, stolpern oder vollkommen absurde Dialoge führen. Eine Szene mit Commissioner Gordon und Batman entwickelt sich etwa kurzfristig zu einer Rhythmus-Einlage mit Breakdance-Moves. An anderer Stelle verwandelt sich ein eigentlich tragischer Moment rund um die Flying Graysons in eine komplett überdrehte Slapstick-Nummer. Diese Mischung funktioniert überraschend gut, weil TT Games den richtigen Punkt zwischen Parodie und Respekt für die Vorlage trifft. Das war bisher in nicht allen Lego-Spielen der Fall.
Auffällig ist auch die neue Struktur der Kampagne. Frühere Lego-Spiele bestanden oft aus kurzen Levels mit einfachen Rätseln und sehr linearem Ablauf. "Das Vermächtnis des Dunklen Ritters" öffnet die Welt deutlich stärker. Gotham dient nicht mehr bloß als Verbindung zwischen Missionen, sondern wird zum eigentlichen Mittelpunkt. Die Stadt ist groß, vertikal aufgebaut und voller versteckter Aufgaben. Hochhäuser lassen sich erklimmen, Nebenmissionen tauchen ständig auf und überall warten kleine Rätsel oder Verbrechen. Das erinnert mehr an Open World als an ein Lego-Game. Dabei profitiert Gotham enorm von seiner Atmosphäre. Regen prasselt auf Straßen, Neonlichter spiegeln sich in Pfützen, über Dächern kreisen Polizeihubschrauber.
Gleichzeitig bleibt alles klar als Lego-Welt erkennbar. Mauern zerbrechen in kleine Steine, Explosionen wirken absichtlich harmlos und selbst düstere Orte wie Arkham Asylum verlieren nie komplett ihren Humor. Die Spielwelt wirkt weder wie eine bloße Karikatur, noch wie ein Versuch, plötzlich ein brutales Erwachsenen-Spiel zu sein. Das Kampfsystem markiert den größten Bruch mit älteren Lego-Titeln. TT Games orientiert sich diesmal deutlich stärker an den "Arkham"-Spielen. Batman verteilt schnelle Kombos, kontert Angriffe und nutzt Gadgets. Gegner fliegen nicht mehr einfach nur auseinander, sobald man wahllos auf Knöpfe hämmert. Stattdessen verlangen größere Kämpfe tatsächlich Aufmerksamkeit und etwas Taktik.
Feinde greifen gleichzeitig an, manche tragen Schilde, andere Waffen oder schwere Rüstungen. Batman muss ausweichen, kontern und seine Umgebung nutzen. Das fühlt sich dynamischer an als früher, hat aber auch Nebenwirkungen. Gerade jüngere Spieler könnten anfangs überfordert sein. Die alten Lego-Spiele galten bewusst als extrem zugänglich. Hier steigt der Anspruch spürbar. TT Games versucht zwar gegenzusteuern und bietet unterschiedliche Schwierigkeitsgrade an, trotzdem verliert das Spiel dadurch einen Teil seiner früheren Einfachheit. Für langjährige Spieler dürfte genau das allerdings ein Vorteil sein. Nach Jahren fast identischer Lego-Kämpfe wirkt dieses System endlich frisch.
Vor allem Bosskämpfe profitieren enorm. Begegnungen mit Gegnern wie Bane, Mr. Freeze oder Poison Ivy laufen nicht mehr nach dem immer gleichen Schema ab. Statt dreimal denselben Hebel zu ziehen, wechseln die Kämpfe zwischen Action, Rätseln und Gadget-Einsatz. Manche Bosse zerstören die Umgebung, andere zwingen Batman zu Tarnangriffen. Besonders gelungen sind Momente, in denen Gotham selbst Teil des Kampfes wird. Dann stürzt plötzlich ein Gebäude ein oder eine Verfolgungsjagd endet mitten in einer Explosion aus Lego-Steinen. Auch die Gadgets spielen diesmal eine größere Rolle. Batman nutzt Greifhaken, Rauchbomben, Batarangs und Spezialanzüge aktiver als früher, was die Abwechslung enorm steigert.
Viele Rätsel bauen darauf auf, unterschiedliche Fähigkeiten geschickt zu kombinieren. Robin, Nightwing, Batgirl oder Catwoman bringen jeweils eigene Werkzeuge mit. Dadurch bekommen die Figuren endlich mehr Eigenständigkeit. Zum Start steht dieses Mal eine überschaubare Anzahl an Charakteren im Zentrum der Kampagne – TT Games setzt auf Qualität statt Masse. Jede Figur besitzt eigene Animationen, Fähigkeiten und Kampfstile. Trotzdem bleibt ein leichtes Gefühl der Enttäuschung zurück, wenn man an frühere Lego-Spiele denkt, in denen beinahe jede Nebenfigur spielbar war. Technisch gehört "Lego Batman: Das Vermächtnis des Dunklen Ritters" indes zu den ambitioniertesten Projekten, die TT Games je veröffentlicht hat.
Das merkt man bereits an den Ladezeiten, der Detaildichte und der neuen Beleuchtung. Gotham wirkt wesentlich dichter als frühere Lego-Spielwelten. Straßen sind voller Passanten, Polizeiautos rasen durch Kreuzungen, Werbetafeln flackern über dunklen Gassen und aus Fenstern dringt Licht auf nasse Gehsteige. Gleichzeitig bleibt die typische Lego-Optik erhalten. Figuren haben den Klemmstein-Look, Oberflächen glänzen wie echtes Spielzeug und beim Zerstören von Objekten fliegen hunderte kleine Steine durch die Luft. Genau diese Kombination aus realistischer Beleuchtung und künstlicher Lego-Welt gehört zu den größten Erfolgen des Spiels. TT Games vermeidet den Fehler, die eigene Identität komplett aufzugeben.
Besonders stark fällt die Liebe zum Detail auf. In Batmans Höhle hängen unterschiedliche Batsuits aus mehreren Jahrzehnten der Comicgeschichte. Manche Radiosendungen in Gotham greifen echte Batman-Handlungsstränge auf. In Hinterhöfen stehen Graffiti mit Anspielungen auf bekannte Gegner. Selbst kleine Figuren im Hintergrund zitieren berühmte Panels oder Filmszenen. Für Fans steckt praktisch an jeder Ecke eine Referenz. Das Problem dabei: Nicht jede dieser Ideen wird sinnvoll genutzt. Manche Bereiche der Open World wirken lebendiger als andere. Während Downtown Gotham voller Aktivitäten steckt, fühlen sich einige Außenbezirke leer an. Dort fährt man minutenlang durch Straßen, ohne interessante Aufgaben zu entdecken.
Gerade in der zweiten Hälfte der Kampagne zieht sich das manchmal spürbar. TT Games wollte Gotham größer machen als je zuvor, schafft es aber nicht immer, diese Größe mit spannenden Inhalten zu füllen. Dazu kommen kleinere Kritikpunkte wie die Kamera. In engen Innenräumen verliert sie gelegentlich den Überblick oder bleibt an Objekten hängen. Während hektischer Kämpfe wird dadurch manchmal schwer erkennbar, welche Gegner gerade angreifen. Das fällt besonders im übrigens wieder vorhandenen Koop-Modus auf. Interessant ist indes, wie stark TT Games den Fokus auf Inszenierung legt. Viele Missionen wirken filmisch. Kamerafahrten, Zwischensequenzen und Übergänge zwischen Gameplay und Story machen richtig Spaß.
Das Spiel nimmt sich dabei mehr Zeit für Atmosphäre und Charakterentwicklung. Bruce Wayne steht wesentlich stärker im Mittelpunkt als in früheren Lego-Spielen. Das betrifft nicht nur Batman selbst, sondern auch seine Beziehungen zu anderen Figuren. Gespräche mit Alfred wirken persönlicher, Robin bekommt überraschend emotionale Szenen und selbst Catwoman erhält mehr Tiefe als bloß die Rolle der charmanten Diebin. Natürlich bleibt das alles weiterhin familienfreundlich. Niemand sollte hier ein düsteres Psychodrama erwarten. Trotzdem überrascht, wie ernst manche Themen angeschnitten werden. Einige Abschnitte wechseln allerdings zu abrupt zwischen Humor und ernsten Szenen, das ist aber verkraftbar.
Außerdem punktet die Vertonung, die Sprecher liefern starke Leistungen ab. Batman klingt kontrolliert und erschöpft zugleich, Alfred bewegt sich perfekt zwischen trockenem Humor und emotionaler Vaterfigur. Besonders gelungen ist aber der Soundtrack. Die Musik verbindet klassische Batman-Klänge mit moderner Action-Untermalung. Die Rätsel sind ebenfalls kreativer als früher. Viele Aufgaben nutzen Physik, Licht oder Batmans Gadgets. Erneut gilt aber, dass sich vieles im Verlauf wiederholt. Natürlich versteckt TT Games erneut Unmengen an Extras in Gotham. Goldene Steine, geheime Kostüme, Fahrzeuge und versteckte Bereiche warten praktisch überall. Für Komplettisten bedeutet das dutzende zusätzliche Stunden.
Gerade Fans von Batman verlieren sich schnell in Gotham. Es macht Spaß, nachts mit dem Batmobil durch enge Straßen zu rasen oder mit dem Cape über Hochhäuser zu gleiten. Die Steuerung bleibt dabei angenehm direkt. Diese Bewegungsfreiheit funktioniert hervorragend und selbst "Arkham"-Fans dürften von "Lego Batman" begeistert sein. Genau darin liegt letztlich die größte Stärke des Spiels. TT Games schafft etwas, das vielen modernen Lizenzspielen nicht gelingt: "Lego Batman: Das Vermächtnis des Dunklen Ritters" respektiert seine Vorlage, ohne komplett von ihr abhängig zu sein. Das Spiel lebt nicht nur davon, dass Batman bekannt und man Lego-Fan ist. Es versucht tatsächlich, ein gutes Batman- und ein gutes Lego-Spiel zu sein.