Für viele war sie weit mehr als ein Geschäft. Jetzt schließt mit der Buchhandlung Bookpoint in der Kalvarienberggasse die letzte klassische Buchhandlung in Wien-Hernals ihre Türen. Nach 135 Jahren endet damit die Geschichte einer Institution, die Generationen von Lesern begleitet hat.
Die Nachricht sorgt im Grätzl für große Betroffenheit, berichtet nun "Der Standard". Zur Abschiedsfeier strömten zahlreiche Stammkunden in das kleine Geschäft. Blumen, Umarmungen und viele persönliche Worte bestimmten den letzten Verkaufstag. Einige Regale sind da bereits leer.
"Das hat mich wirklich traurig gemacht", erzählt Stammkundin Susanne. Die 63-Jährige habe bewusst immer wieder hier bestellt, um die kleine Buchhandlung zu unterstützen. Für sie ist klar: "Ich geh' nicht zum Thalia."
Die Schließung trifft viele Menschen emotional. Denn Bookpoint war nicht nur ein Ort für Bücher, sondern auch Treffpunkt, Beratungsstelle und sozialer Ankerpunkt im Bezirk.
Für Inhaberin Jelena Deretić kam die Entscheidung nicht plötzlich. Die Buchhändlerin, die das Geschäft 2017 übernommen hatte, kämpfte jahrelang gegen schwierige Rahmenbedingungen. Onlinehandel, steigende Kosten und ein verändertes Konsumverhalten hätten den Betrieb immer schwieriger gemacht.
"Natürlich fressen die Großen die Kleinen", sagt die 44-Jährige offen. Vor allem Amazon und große Handelsketten hätten mit ihrem Onlinehandel den Druck auf kleine Geschäfte massiv erhöht. Gleichzeitig belasten die steigenden Lebenshaltungskosten. "Wo sparen die Menschen als Erstes? Bei der Kultur", erklärt Deretić. Dazu komme, dass viele langjährige Stammkunden mittlerweile verstorben seien.
Am Ende blieb nur eine bittere Erkenntnis. Wirtschaftlich sei der Betrieb nicht mehr tragbar gewesen. "Es war ein zu teures Hobby", sagt die Buchhändlerin.
Die Entwicklung zeigt sich auch österreichweit. Laut Statistik Austria gab es 2015 noch 899 Buchhandlungen. Im Jahr 2024 waren es nur noch 565. Das entspricht einem Rückgang von mehr als 37 Prozent innerhalb von neun Jahren. Die Branche schlägt seit Jahren Alarm. Immer wieder werden politische Maßnahmen gefordert, um kleine Buchhändler zu entlasten. Doch die Probleme bleiben bestehen.
Besonders schmerzt viele Kunden der Verlust der persönlichen Beratung. Während Bücher heute oft mit wenigen Klicks online bestellt werden, setzte Bookpoint bewusst auf Gespräche und individuelle Empfehlungen. Dass genau das geschätzt wurde, zeigen auch zahlreiche Bewertungen im Internet. Kunden lobten die "ausgezeichnete Beratung", die "liebenswerte Chefin" und die besondere Atmosphäre der kleinen Buchhandlung.
Auch Mitarbeiterin Monika, die nach ihrer Pensionierung im Geschäft aushalf, blickt mit Wehmut auf das Ende zurück. "Das Geschäft ist seit 30 Jahren mein verlängertes Wohnzimmer", sagt sie. Die Schließung mache sie "einfach unfassbar traurig".
Deretić selbst wird vor allem die Begegnungen mit den Menschen vermissen. "Der Umgang mit den Menschen war das Schönste für mich", sagt sie. Kleine Geschäfte seien oft weit mehr als reine Verkaufsflächen. Sie würden Gemeinschaft schaffen und Menschen zusammenbringen.
Mit Sorge beobachtet sie deshalb die Zukunft vieler kleiner Betriebe. Wenn immer mehr Geschäfte verschwinden, dann gehe auch "das Soziale überall verloren", warnt ihre Mitarbeiterin Monika.
Für ihre eigene Zukunft zeigt sich Deretić dennoch optimistisch. "Ich bin ein sehr wissbegieriger Mensch, ich finde schon was", sagt sie. Gleichzeitig richtet sie einen eindringlichen Appell an die Menschen im Grätzl: Wer kleine Unternehmen erhalten wolle, müsse sie auch unterstützen – bevor sie für immer verschwinden.