Tragische Sex-Unfälle

Mann verletzt sich bei Masturbation mit Staubsauger

Jährlich sterben in Deutschland bis zu 100 Menschen bei autoerotischen Unfällen – weltweit dürften es Tausende sein. Ein Sexualtherapeut klärt auf.
André Wilding
24.02.2026, 15:10
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Jährlich sterben allein in Deutschland rund 100 Menschen bei autoerotischen Unfällen, weltweit dürften es Tausende sein. Die Ursachen sind vielfältig und reichen von riskanten Experimenten bis zur Verwendung ungeeigneter Gegenstände. Doch was treibt Menschen dazu, in sexueller Erregung offensichtliche Gefahren zu ignorieren? Der Sexualtherapeut Krisztian Füredi im Gespräch mit Erotik.com über die psychologischen Hintergründe und die fatale Rolle der Scham bei autosexuellen Unfällen.

Die Statistik von bis zu 100 Todesfällen pro Jahr in Deutschland durch sexuelle Unfälle ist alarmierend. Urologen berichten von Patienten, die sich mit Staubsaugern verletzen oder diverse Gegenstände in Körperöffnungen einführen. Welche extremen oder besonders riskanten Fälle begegnen Ihnen in der therapeutischen Praxis?

Krisztián Füredi: Konkrete Patientengeschichten kann und will ich aus ethischen Gründen nicht teilen. Was ich aber sagen kann, ist, dass die schwersten Unfälle meist nicht aus besonders kreativen oder "extremen" Einfällen entstehen, sondern aus einigen wiederkehrenden Risikosituationen. Das Risiko steckt weniger im Exzess als in der Routine. Besonders gefährlich ist das Experimentieren mit der absichtlichen Beeinflussung der Atmung bzw. der Sauerstoffversorgung. Menschen versetzen sich durch Strangulation oder das Überstülpen von Plastiktüten in einen rauschähnlichen Zustand, unterschätzen dabei aber die Gefahr massiv. Das Kontrollgefühl ist oft trügerisch, und es kann sehr plötzlich zu Bewusstlosigkeit, bleibenden neurologischen Schäden oder eben dem Tod kommen. Weltweit gehen wir von mehreren tausend solcher Todesfälle pro Jahr aus. Ein weiteres wiederkehrendes Muster ist das Experimentieren mit Gegenständen, die nicht für den sexuellen Gebrauch bestimmt sind. Die Liste dessen, was Ärzte aus Körperöffnungen entfernen müssen, ist lang und reicht von Gemüse über Glühbirnen bis hin zu Metallteilen. Hier sind Verletzungen, Infektionen und innere Blutungen eine häufige und oft zu spät erkannte Komplikation.

Warum ignorieren Menschen in einem Zustand der Erregung solch offensichtliche Sicherheitsgrenzen?

Das ist eine zentrale Frage. Sexuelle Erregung ist nicht nur eine Stimmung, sondern ein spezieller Zustand des Nervensystems. Die Aufmerksamkeit verengt sich extrem, das Belohnungssystem wird hochgefahren und das Gefühl von Dringlichkeit steigt. Langfristige Konsequenzen und Risiken werden in diesem Zustand buchstäblich ausgeblendet. Im ruhigen, nicht erregten Zustand unterschätzen die meisten Menschen dramatisch, wie sehr sich ihre Entscheidungen unter dieser emotionalen und körperlichen Hochspannung verändern. Man kann sagen, Erregung erzeugt eine andere Art von Bewusstseinszustand, in dem Abwägung und Gefahrengefühl deutlich reduziert sind. Kommt dann noch Geheimhaltung und Scham hinzu, weil man glaubt, über seine Fantasien mit niemandem sprechen zu können, fehlt der "Realitätscheck" von außen. Es bleibt nur der Sog der Erregung.

Welche psychologischen Bedürfnisse treiben solche riskanten Solo-Experimente am häufigsten an?

Die Antriebe sind oft sehr alltäglich und nicht selten geht es weniger um Sex als um Emotionsregulation. Ein wichtiger Faktor ist Stressabbau. Sexuelle Stimulation kann sehr schnell Anspannung senken und ein Gefühl von Kontrolle vermitteln. Ein weiterer ist die Suche nach neuen, intensiven Reizen. Wer stark auf sensorische Reize reagiert, verschiebt Grenzen leichter – besonders wenn der Alltag als monoton oder emotional leer empfunden wird. Ein drittes Motiv ist die Flucht, das "Aussteigen" aus dem inneren Lärm. Eine hohe Reizintensität kann grübelnde Gedanken und Sorgen kurzfristig ausschalten. Das ist ein sehr attraktiver Zustand, den man erhalten und steigern möchte.

Wie stark prägen Pornografie und Social Media das, was als normal oder sicher wahrgenommen wird?

Sehr stark. Pornografie und soziale Medien stehen in einem ständigen Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Extremere, intensivere Inhalte "performen" besser und erhalten dadurch überproportional viel Raum. Das beeinflusst die persönlichen sexuellen Drehbücher der Menschen: Was "man können sollte", was als normal oder gar als langweilig gilt. Ein besorgniserregendes Beispiel ist, dass sexuelles Würgen unter jungen Menschen auffällig häufig zum Thema geworden ist. In den Kontexten, in denen sie damit konfrontiert werden, sind die Risiken nicht sichtbar. Es wirkt alltäglich und harmlos, obwohl schon eine kurze Sauerstoffunterversorgung zu bleibenden Schäden oder zum Tod führen kann.

Spielt Scham eine Rolle dabei, ob und wie schnell sich Betroffene nach einem Unfall Hilfe suchen?

Eine sehr große und oft tragische Rolle. Bei intimen Unfällen warten viele Betroffene zu lange, versuchen das Problem allein zu lösen oder hoffen, dass es von selbst verschwindet, weil sie sich vor der Reaktion der Ärzte und Pflegekräfte fürchten. Diese Verzögerung erhöht das Risiko für schwere Komplikationen massiv. Es ist wichtig zu betonen: Im Gesundheitswesen werden medizinische Probleme behandelt, keine moralischen Urteile gefällt. Echte Selbstfürsorge bedeutet in so einem Moment, schnell professionelle Hilfe zu holen und nicht, unentdeckt bleiben zu wollen.

Wann wird das Bedürfnis nach immer intensiveren Reizen zu einem Hinweis auf ein tieferes Problem?

Neugier und das Bedürfnis nach Neuem sind an sich nicht problematisch. Sexualität verändert sich im Laufe des Lebens. Tiefer hinschauen sollte man, wenn ein Kontrollverlust entsteht und jemand trotz negativer Folgen oder Risiken weitermacht. Wenn das Verhalten das Leben stark bestimmt, Beziehungen oder die Arbeit darunter leiden und trotzdem keine Veränderung gelingt, kann das auf eine zwanghafte sexuelle Verhaltensstörung hindeuten. Dann ist der Sex oft nicht mehr das Ziel, sondern nur noch ein Mittel zur Regulation von Angst, Leere, Trauma oder chronischem Stress – und kann deshalb gefährlich eskalieren.

Sexualtherapeut Krisztian Füredi

Krisztián Füredi ist Diplom-Psychologe, Sexualpsychologe und Paartherapeut mit über 20 Jahren Berufserfahrung. In seiner Praxis begleitet er Einzelpersonen und Paare bei sexuellen Funktionsstörungen, partnerschaftlichen Konflikten sowie Fragen zu Intimität, Nähe und Sexualität. Die Sexual- und Paartherapie bietet er sowohl persönlich als auch online an. Er arbeitet interdisziplinär mit Fachärztinnen und Fachärzten aus den Bereichen Urologie, Gynäkologie und Andrologie zusammen, um eine ganzheitliche Betreuung zu gewährleisten. Für die Online-Plattform Erotik.com ist er als Experte beratend aktiv.

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