In der Schweiz stehen die Sommerferien vor der Tür. Normalerweise geht’s für viele Eidgenossen in den Süden. Doch angesichts der aktuellen Hitzewelle fragen sich immer mehr, ob ein Teller Paella bei 37 Grad wirklich das ist, was sie sich wünschen. Einige suchen heuer bewusst das kühlere Klima, andere bleiben dem Mittelmeer treu – laut "20 Minuten" spielt dabei aber vor allem ein Thema eine große Rolle: Klimaanlagen.
"Ich habe nicht die Sonne gesucht, sondern angenehme Temperaturen", erzählt Jan (20). Er hat seine Sommerferien bewusst in Norwegen verbracht, statt wie früher in den Süden zu reisen. "Statt Hitzerekorden gab es 20 bis 25 Grad, beeindruckende Natur und lange Sommerabende. Ich kam mit vielen schönen Erinnerungen zurück – ganz ohne Sonnenstich. Vielleicht ist der Norden der neue Süden."
Norwegen stand schon länger auf seiner Wunschliste. "Die zunehmenden Hitzewellen im Süden haben mir aber den letzten Anstoß gegeben, auch die Sommerferien im Norden zu verbringen – ich habe es nicht bereut." Sonne, Strand und Meer mag er nach wie vor. "Aber wegen der Hitze und der vielen Leute reise ich nur noch im Frühling oder Herbst in den Süden." Früher fuhr seine Familie oft ans Mittelmeer, besonders gerne nach Formentera. "Im Sommer ist es dort mittlerweile zu heiß, zu teuer und zu überlaufen."
So ähnlich geht es auch Michelle (56). Wegen der Hitze in der Schweiz und ihrem Hund zuliebe fährt sie nächstes Wochenende nicht in den Süden, sondern nach Schweden. "Eigentlich mag ich die Hitze, aber selbst mir ist das zu viel. Ich habe noch nie im Norden Urlaub gemacht und freue mich auf diese neue Erfahrung." Mit dem eigenen Camper ist sie flexibel und musste keine bereits gebuchte Reise stornieren.
Ganz anders sieht das Mario (37). Er ist mit seiner Familie spontan nach Kroatien gefahren. "Wir wollten eigentlich in der Schweiz bleiben. Aber es war uns schlichtweg zu heiß. Sogar im Hotelzimmer in Neuenburg haben wir wegen der Hitze kein Auge zugedrückt."
In Kroatien sei die Lage trotz hoher Temperaturen viel angenehmer. "Dort gehören klimatisierte Unterkünfte zum Standard – selbst günstige Hostels haben eine Klimaanlage." Mittags sucht die Familie Abkühlung in Restaurants oder Cafés mit Klimaanlage. "Draußen gibt es oft Wassersprüh-Anlagen und das Meer erfrischt. Anders als in den stickigen Innenstädten der Schweiz weht außerdem oft ein Wind."
Kühlere Urlaubsziele haben sie ebenfalls schon ausprobiert: "Letztes Jahr waren wir im Juli in Schottland. Das war zwar kühler, aber uns dann doch zu regnerisch."
Andreas Zgraggen, Tourismus-Experte und Präsident von Zug Tourismus, sieht tatsächlich eine leichte Verschiebung bei den Buchungen: "Ziele in Skandinavien, Kanada und Alaska erleben einen Boom. Reiseveranstalter, die diese Destinationen im Angebot haben, profitieren von der Sommerhitze." Einen generellen Rückzug vom Mittelmeer sieht er aber nicht. "Ich würde von einem leichten Anstieg zugunsten kühlerer Destinationen sprechen."
Das bestätigt auch Janine Zimmerli, Mediensprecherin beim internationalen Reisekonzern Dertour: Rund 14 Prozent der Sommerbuchungen bei Dertour Schweiz entfallen auf sogenannte "Coolcations" – also Reisen in Regionen mit milderen Temperaturen. Besonders Menschen aus der Deutschschweiz buchen laut Zimmerli jetzt öfter Ferien im Norden. "Im Vergleich zum letzten Jahr ist die Nachfrage um etwa 12 Prozent gestiegen."
Die beliebtesten Urlaubsziele bleiben aber auch weiterhin die Mittelmeerländer, erklärt Zimmerli. "Die Analyse der Buchungen während der Hitzewelle zeigt, dass es keine deutliche Verlagerung hin zu nordischen Reisezielen gibt."
Spannend ist laut Zgraggen aber auch: Viele Ferienorte im Süden sind gar nicht unbedingt heißer als die Schweiz. "Die Temperaturen an Orten wie Kreta, Santorini, Antalya, Rimini oder an der Costa Brava liegen oft im gleichen Bereich wie bei uns, teilweise sogar etwas darunter." Der große Unterschied: "Im Gegensatz zur Schweiz gehören Klimaanlagen in den Hotels dort zum Standard."