Lange im Verkauf, Kunstgeschichte studiert oder jahrelang in der Versicherungsbranche – drei Wiener starten beruflich noch einmal neu durch. Ihr Ziel: eine Ausbildung im Bereich Sozialbetreuung und Pflege mit Schwerpunkt Altenarbeit. Was sie dabei erleben, zeigt: Pflege ist weit mehr als Waschen, Anziehen und Medikamente verabreichen.
Kerstin M. hat einen ungewöhnlichen Berufsweg hinter sich. Die gebürtige Linzerin studierte Kunstgeschichte und arbeitete lange in diesem Bereich. Mit 51 Jahren entschied sie sich schließlich für einen Neustart. Ein halbes Jahr sammelte sie zunächst ehrenamtlich Erfahrungen im Altenbereich.
Dabei machte sie eine wichtige Erfahrung: Oft braucht es nicht mehr körperliche Pflege, sondern schlicht jemanden, der zuhört. "Ein älterer Mann hat das Pflegepersonal ständig in Anspruch genommen. Mal stand das Bett zu weit rechts, es hat ihm einfach nichts gepasst. Ich hab mich dann die Zeit genommen, um herauszufinden, was los ist. Es hat sich herausgestellt, dass er einfach nur reden wollte. Wir haben über Kunst, Kultur und Reisen gesprochen", schildert sie.
In der Pflege geht es also nicht nur um körperliche Versorgung. Auch Gespräche, Vertrauen und soziale Betreuung spielen eine wichtige Rolle. Das hat Bernhard N. bereits bei seinen Praktika erlebt. "Es gab eine Dame, die sich gegen mobile Pflege und Betreuung gewehrt hat. In Gesprächen habe ich dann versucht, Vertrauen aufzubauen und es stellte sich heraus, dass sie zuhause ihren Mann mit Demenz pflegt und deshalb Angst hatte. Wir konnten ihr die Angst dann nehmen und haben gemeinsam an einer Lösung gearbeitet", erzählt der Wiener.
Der 41-Jährige war "lange auf der Suche nach dem Richtigen". Nach vielen Jahren im Verkauf hat er seine Berufung gefunden und absolviert nun eine Ausbildung im Bereich Sozialbetreuung und Pflege.
Auch Sandra C. hat sich für einen Neustart entschieden. Die 52-Jährige war lange in der Versicherungsbranche tätig und absolviert nun eine Ausbildung im Pflege- und Sozialbetreuungsbereich. Für sie ist der neue Beruf vor allem eines: erfüllend. "Man bekommt so viel zurück", erzählt die Auszubildende.
Dass solche Quereinsteiger dringend gebraucht werden, zeigt der Blick auf die kommenden Jahre. Bis 2050 könnte die Zahl der Menschen, die in Österreich Pflegegeld beziehen, auf rund 750.000 steigen. Gleichzeitig könnten in den kommenden Jahren bis zu 70.000 Fachkräfte fehlen.
Die Caritas warnt davor, die Herausforderung nur medizinisch zu betrachten. "Wer nur nach Pflegepersonal sucht, verkennt die Lebensrealität der Menschen. Ein Großteil der Menschen – vor allem im Alltag, in Familien oder bei Demenz-Erkrankung – braucht Betreuung und keine medizinische Pflege", betont Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler.
Gerade die Altenarbeit könne einen wichtigen Beitrag leisten. Sie schafft Zeit für Gespräche, Begleitung und Beziehungsarbeit. Doch laut Caritas fehlt es weiterhin an Anerkennung und passenden Rahmenbedingungen.
Ernst Sandriesser, Direktor der Caritas Kärnten und Vertreter der Caritas-Schulträgerin, sieht großes Potenzial bei den Ausbildungen. "Unsere Absolvent*innen bringen mit der in die Ausbildung integrierten Pflegeassistenz sogar eine Doppelqualifikation mit", erklärt er. Und weiter: "Wir könnten morgen mehr Klassen eröffnen und damit dem Fachkräftemangel noch stärker entgegenwirken. Doch uns fehlen die Praktikumsplätze und die nötige finanzielle Unterstützung für die Schulinfrastruktur."
Die Caritas fordert deshalb mehrere Reformen: Altenarbeit soll gesetzlich stärker berücksichtigt, die Ausbildung von Umsteigern verlässlich finanziert und die Zahl der Praktikumsplätze erhöht werden. Auch für Schulgebäude, Klassenräume und digitale Ausstattung brauche es mehr Unterstützung.