Türke (72) in Wien erstochen

Mordfall soll Mafia-Thriller sein – "schlechter Film!"

Fast ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod eines Türken (72) startet in Wien der Mord-Prozess. Der Angeklagte leugnet, beschuldigt den Familien-Clan.
Christian Tomsits
28.10.2025, 07:00
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Ein toter Clan-Chef (72), ein verschwundener Sohn und ein Angeklagter, der trotz DNA-Spuren am Tatort alles bestreitet: Der Fall um einen mutmaßlichen Eifersuchtsmord am Henriettenplatz (Wien Rudolfsheim), bei dem der 72-jährige Familien-Patriarch umkam, verkam vor Gericht zur türkischen Telenovela.

Familiäre Verflechtungen

Şerafettin I. (72), Oberhaupt einer türkischen Großfamilie in Wien, wurde am 28. Dezember des Vorjahres in den eigenen vier Wänden in Wien erstochen, wir berichteten. Festgenommen wurde nach kurzer Zeit Ayhan A., der 39-jährige Ex der Schwiegertochter.

Montagmorgen gab es die Überraschung am Wiener Landl: Der von der Polizei überführte Angeklagte (39) bestritt wild gestikulierend jegliche Schuld, bezichtigte den untergetauchten Sohn des Opfers, den eigenen Vater im Streit um dubiose Geschäfte erstochen zu haben.

Sohn verschwand spurlos

Brisant: Tatsächlich fand der Sohn den toten Vater am Tag nach der Tat in einer Blutlache, rief noch die Rettung. Danach verschwand er aber spurlos, tauchte bis heute nicht mehr auf. Ein Verdacht gegen ihn wurde zwar von Ermittlern wieder verworfen, doch fremdenrechtlich droht ihm bis heute die Festnahme. Damit wäre laut Staatsanwältin sein plötzliches Verschwinden und das Fernbleiben vom Prozess logisch zu erklären.

Der Angeklagte brachte aber eine andere Version vor: "Er fälschte Pässe im großen Stil, die der Vater für ihn bunkerte. An jenem Tag wollte der betagte Clan-Chef aber mehr Geld vom Sohn, daraufhin hat er ihn einfach umgebracht". Er sei selbst Zeuge der Bluttat geworden, hätte dann aber Angst gehabt, auszupacken.

Staatsanwältin: "Beweise belasten Angeklagten"

"Sein einziger Fehler war, dass er nicht die Polizei gerufen hat, der Trottel – nur deswegen sitzt er da", meinte sein Verteidiger, sah in seinem unbescholtenen Mandanten jemanden, der jetzt als "Bösewicht" herhalten müsse. "Diese Verantwortung ist wie ein schlechter Hollywoodfilm, der nur eine einzige Sendezeit bekommt: Nach 22 Uhr auf RTL 2", polterte die Staatsanwaltschaft.

„Diese Verantwortung ist wie ein schlechter Hollywoodfilm“
Staatsanwältinüber die Mafia-Version des Angeklagten

Eifersucht sei das einzige Motiv gewesen. Denn der angeklagte Austro-Türke war vor dem jüngsten Sohn des Opfers (72) mit dessen Frau zusammen, hat zwei Kinder mit ihr. "Über diese Trennung kam er nie hinweg, also wollte er sie permanent zurück – doch das Familienoberhaupt ging auf diese Forderungen nicht ein" – da sei er am 28. Dezember völlig ausgerastet.

Tatsächlich: Das Gesicht des Opfers wurde mit Schlägen malträtiert. Das Opfer verblutete an insgesamt fünfzehn wuchtigen Stich und Schnittverletzungen qualvoll. "Dieser Hass passt überhaupt nicht zu meinem Mandanten", meinte der Verteidiger.

Was aber passt: Bei der Festnahme hatte der Verdächtige eine Schnittwunde an der Hand, die bei Messerattacken durch ein Abrutschen der Klinge besonders häufig ist. Und: Seine Blutspuren waren in der gesamten Mordwohnung verteilt. Zudem legte das Handy des Opfers laut Funkdaten nach der Tat exakt denselben Weg in den Süden Wiens zurück, wie der Angeklagte, bevor es in einem Teich in Wr. Neudorf (NÖ) versenkt worden sein soll.

Urteil steht noch aus

Auf die Geschworenen kommt aufgrund der verschiedenen Versionen der Tat an zwei Prozesstagen einiges an Arbeit zu –  alle "verflochtenen Akteure" des Falls müssen genau durchleuchtet werden – eine Übersetzerin für Türkisch war dringend vonnöten. Der Ausgang der Verhandlung ist noch unklar. Die Unschuldsvermutung gilt.

{title && {title} } ct, {title && {title} } Akt. 28.10.2025, 18:37, 28.10.2025, 07:00
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