Eine neu entdeckte Schlangenart aus Südchina sorgt aktuell für Aufmerksamkeit – und Verwunderung. Die kleine Schilfschlange Calamaria incredibilis trägt einen ungewöhnlichen Trick der Evolution mit sich: Ihr kurzer, stumpfer Schwanz ähnelt ihrem Kopf derart stark, dass sie von Einheimischen als "Zweikopf-Schlange" bezeichnet wird.
Die neu beschriebene Schlange wurde bislang fälschlicherweise einer bereits bekannten Art zugerechnet: Calamaria pavimentata. Erst eine genaue Untersuchung zeigte, dass es sich um eine eigenständige Spezies handelt. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift "Zoosystematics and Evolution" veröffentlicht.
Die Entdeckung basiert allerdings auf nur zwei Exemplaren, die in der südchinesischen Provinz Guangxi gesammelt wurden. Beide Tiere waren bereits ausgewachsene Männchen und erreichten eine Länge von rund 20 Zentimetern.
Schilfschlangen der Gattung Calamaria gelten unter Fachleuten als besonders schwer zu klassifizieren. Die Reptilien verbringen einen Großteil ihres Lebens unter der Erde und unterscheiden sich äußerlich oft nur in feinen Details.
Erst eine Kombination moderner Methoden brachte Gewissheit. Forschende analysierten Schuppenstruktur, Körperproportionen und Färbung der Tiere und verglichen deren DNA mit verwandten Arten.
Zusätzlich kamen Mikro-CT-Scans zum Einsatz, mit denen hochauflösende 3D-Bilder des Schädels erstellt wurden. Die Anatomie zeigte deutliche Unterschiede zu bereits bekannten Schlangenarten.
Besonders auffällig: Genetisch unterscheidet sich Calamaria incredibilis um mehr als zwölf Prozent von ihren nächsten Verwandten – ein bemerkenswerter Abstand innerhalb einer Tiergruppe, deren Vertreter oft nahezu identisch aussehen.
Ebenso rätselhaft wie das Erscheinungsbild ist der Fundort der Tiere. Beide Exemplare wurden tagsüber auf Straßen entdeckt – ungewöhnlich für eine Schlangenart, die eigentlich überwiegend unterirdisch lebt.
Das erste Tier wurde nahe der Grenze zu Vietnam im Kreis Ningming auf etwa 1.060 Metern Seehöhe gefunden. Das zweite Exemplar tauchte mehr als 500 Kilometer entfernt in einem Naturschutzgebiet bei Guilin auf.
Die große Distanz zwischen den Fundorten deutet laut Forschungsteam darauf hin, dass die Art womöglich weiter verbreitet ist als bislang angenommen. Auch ein Vorkommen in Nordvietnam gilt als möglich.