Diese Aufnahmen machen den Zwischenfall am Flughafen München noch greifbarer: Auf den neuen Bildern sind deutliche Schäden an der Unterseite der Boeing 787-9 von Vietnam Airlines zu sehen. Die Reifen am Hauptfahrwerk sind völlig zerfetzt. Auch der Bodenkontakt des hinteren Flugzeugrumpfs hinterließ deutliche Spuren, in der Außenhaut klafft ein Loch.
Der Dreamliner mit der Kennung VN-A867 war am Samstag als Flug VN34 von München nach Hanoi unterwegs. Beim Start auf der Südbahn 26L blieb die Maschine ungewöhnlich lange am Boden. Ein Beobachter schilderte später, er sei stutzig geworden, "weil dann nicht mehr viel Piste kommt".
Eigentlich würden einem vollgetankten und voll besetzten Dreamliner 3.000 Meter zum Abheben genügen, in München hatte die Maschine sogar 4.000 Meter zur Verfügung. Dennoch kam sie erst 120 Meter nach Ende der Piste in die Luft.
Ein ehemaliger Boeing-Pilot von Vietnam Airlines hält auf dem Luftfahrtportal "Aviation Herald" eine falsche Berechnung für wahrscheinlich. Die Piloten könnten ein zu geringes Gewicht eingegeben haben. Der Computer hätte dann zu wenig Schub für den Start berechnet – ein nahezu fataler Fehler, der womöglich von der Crew (fast) zu spät bemerkt worden war. Der Riesen-Jet schrammte nur um Haaresbreite an der Katastrophe vorbei.
Nach Angaben der vietnamesischen Luftfahrtbehörde wurden nach dem Start Warnungen wegen eines Heckkontakts mit der Piste und wegen niedrigen Reifendrucks ausgelöst. Vietnam Airlines hatte zunächst von einem technischen Problem gesprochen.
Die Crew war nach dem Start zunächst in der Region München geblieben. Vor der erneuten Landung in Freising wurden zwei tiefe Überflüge durchgeführt, damit der Zustand des Flugzeugs vom Boden aus kontrolliert werden konnte. Bei der Landung auf der Nordbahn 26R soll am Fahrwerk Rauch zu sehen gewesen sein. Die Boeing konnte danach nicht mehr aus eigener Kraft von der Piste rollen. Alle Insassen blieben glücklicherweise unverletzt.
Auch für den renommierten Luftfahrtexperten Patrick Huber ist klar, dass "dieser Jet ganz knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt ist". Wäre der Start misslungen, sei davon auszugehen, dass der mehr als 200 Tonnen schwere Jet "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in einem Feuerball explodiert" wäre, so der Fachmann zu "Heute". Warum es zur Beinahe-Katastrophe gekommen ist, könne aber erst die Untersuchung mit Sicherheit beantworten.
Für den Experten ist – ohne der Untersuchung vorzugreifen – klar, dass die Maschine "nie bis 210 Meter vor Ende der 4.000 Meter langen Piste" hätte kommen dürfen. "Die Piloten hätten den Start in jedem Fall viel früher abbrechen müssen, nach allem was wir bisher wissen", so sein Fazit.
Die wahre Unglücksursache ist noch nicht bekannt. Die Ermittlungen dazu laufen. Nach Angaben der vietnamesischen Behörde führt Deutschland die Untersuchung, Vietnam unterstützt dabei. Eine lückenlose Aufklärung dürfte in diesem Fall aber gelingen, denn aufgrund der Daten des Flugschreibers und des Stimmenrekorders werde man den genauen Ablauf sicherlich nachvollziehen können, so Huber.