Eine neue Studie der Stadt Wien sorgte in den vergangenen Tagen für Aufsehen: Laut Studienleiter Kenan Güngör sind die Ergebnisse "sehr bedenklich". Besonders unter muslimischen Jugendlichen spielt Religion demnach eine deutlich größere Rolle als bei anderen Gruppen.
73 Prozent der schiitischen und 68 Prozent der sunnitischen Muslime bezeichnen sich als sehr oder eher religiös. Bei katholischen Jugendlichen sind es 41 Prozent, bei orthodoxen Christen 38 Prozent. Befragt wurden 1.200 Personen zwischen 14 und 21 Jahren.
Brisant: 41 Prozent der muslimischen Jugendlichen stimmen der Aussage zu, dass religiöse Vorschriften über den Gesetzen in Österreich stehen. Unter christlichen Jugendlichen sagen das 21 Prozent. Zudem meinen 46 Prozent der muslimischen Befragten, man müsse bereit sein, "für die Verteidigung seines Glaubens zu kämpfen und zu sterben". Unter Christen vertreten 24 Prozent diese Ansicht.
Am Freitagabend bezog Güngör in der ZiB-2 zu den brisanten Studienergebnissen Stellung. Der Experte warnt vor "bedenklichen Entwicklungen" in bestimmten Kerngruppen. Die zentrale Frage sei daher, welche Faktoren diese Entwicklungen begünstigen. Genau das habe man untersucht, um festzustellen, "welche Hebel man ansetzen muss, um dagegen anzukämpfen". Klar sei für den Experten aber auch: Weder Religion noch Herkunft allein könnten diese Entwicklungen erklären.
Kritik an der Studie, wonach Fragen zum Fundamentalismus nur muslimischen Kindern gestellt worden seien, weist Güngör zurück. Es habe allgemeine Fragen zum Fundamentalismus gegeben, zusätzlich aber "zwei bis drei Fragen", die nur muslimischen Schülern gestellt wurden – etwa zum Kopftuch. Solche Fragen müsse man christlichen Kindern nicht stellen, erklärt er sinngemäß.
Problematisch sei zudem, dass gewisse Gruppen nur schwer erreichbar seien. Deshalb habe man nicht mit einer klassischen Stichprobe arbeiten können. Über "multimethodische Ansätze" habe man dennoch versucht, möglichst nahe an die Realität heranzukommen. Die Ergebnisse seien valide, betont Güngör.
Die Studie zeige außerdem: Kinder mit schlechter Bildung neigen eher zur Abwertung anderer. Auch Kinder, die selbst Diskriminierung erfahren, würden häufiger diskriminierendes Verhalten zeigen. Kinder, die vereinsamen, werteten oft andere Menschen ab. Zudem seien Kinder stark vom familiären Umfeld geprägt.
Um dem Umstand entgegenzuwirken, dass 44 Prozent der Schüler keinen Religionsunterricht besuchen, spricht sich Güngör für einen Demokratie- und Ethikunterricht aus. Dieser solle nicht nur allgemein gehalten sein, sondern auch standortspezifisch arbeiten. In der Stadt gebe es andere Herausforderungen als am Land, so der Experte.
Eine problematische Form des Islams werde außerdem durch soziale Medien vorangetrieben. "70 bis 80 Prozent" dessen, was man über den Islam auf Social Media mitbekomme, stamme aus problematischen Quellen, warnt Güngör.