Vor einigen Tagen wurde bekannt: An Wiens Pflichtschulen sind muslimische Kinder mit knapp 39 Prozent inzwischen die größte Glaubensgruppe. Jetzt sorgt eine neue Studie der Stadt Wien für Wirbel.
Die Ergebnisse stuft Studienleiter Kenan Güngör als "sehr bedenklich" ein, das berichtet der Standard. Besonders auffällig: Religion spielt bei muslimischen Jugendlichen eine deutlich größere Rolle als bei anderen Gruppen. 73 Prozent der schiitischen und 68 Prozent der sunnitischen Muslime bezeichnen sich als sehr oder eher religiös. Bei katholischen Jugendlichen sind es 41 Prozent, bei orthodoxen Christen 38 Prozent (1.200 Personen zwischen 14 und 21 Jahren wurden befragt).
Besonders brisant: 41 Prozent der muslimischen Jugendlichen stimmen der Aussage zu, dass die Vorschriften ihrer Religion über den Gesetzen in Österreich stehen. Bei christlichen Jugendlichen sagen das 21 Prozent, berichtet etwa die Tageszeitung "Die Presse".
46 Prozent der muslimischen Befragten meinen außerdem, man müsse bereit sein, "für die Verteidigung seines Glaubens zu kämpfen und zu sterben". Unter Christen vertreten 24 Prozent diese Ansicht.
36 Prozent der muslimischen Jugendlichen finden zudem, dass sich alle Menschen an die Regeln ihrer Religion halten sollten. Mehr als die Hälfte möchte, dass Musliminnen in der Öffentlichkeit Kopftuch tragen. 65 Prozent sagen, islamische Vorschriften würden für alle Bereiche des Alltags gelten und seien streng einzuhalten. Güngör spricht dabei von sozialem Druck.
Auch bei Demokratie und Gleichberechtigung zeigt die Studie deutliche Unterschiede. Während 82 Prozent der Österreicher Demokratie als beste Staatsform sehen, liegt der Wert bei Syrern bei 47 Prozent, bei Tschetschenen bei 50 Prozent und bei Afghanen bei 61 Prozent.
Vor allem bei Jugendlichen aus Syrien, Afghanistan und Tschetschenien zeigen sich laut Studie konservative Rollenbilder. Fast die Hälfte findet, Männer sollten wichtige Entscheidungen treffen. Ein Viertel möchte keine Frau als Chefin, nur rund ein Drittel empfindet Homosexualität als okay.
Ein Forscherteam befragte dafür 1.200 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 14 und 21 Jahren. Untersucht wurden zehn Gruppen - darunter Österreicher, Bosnier, Türken, Syrer, Afghanen und Tschetschenen.
Ein Drittel der muslimischen Jugendlichen gibt zudem an, in den vergangenen Jahren religiöser geworden zu sein. Laut Güngör werde ihre Identität deutlich stärker von Religion geprägt als bei Christen. Ob Beten, Fastengebote oder Moschee-Besuche - Jugendliche islamischen Glaubens erreichen in allen Bereichen die höchsten Werte.
Die Studienautoren warnen aber auch vor einfachen Erklärungen. Nicht allein Religion sei ausschlaggebend. Eine Rolle spielen laut Untersuchung auch geringe Bildung, Diskriminierungserfahrungen, autoritäre Erziehung, soziale Isolation und der Einfluss radikaler Inhalte im Internet.