Wer hat Angst vorm "bösen" Wolf? Alle - ohne Grund

Die Mär des bösen Wolfes hält sich hartnäckig. Experte und Verhaltensforscher Kurt Kotrschal leistet hier Aufklärung.
Die Mär des bösen Wolfes hält sich hartnäckig. Experte und Verhaltensforscher Kurt Kotrschal leistet hier Aufklärung.Getty Images/iStockphoto
Einer der weltweit renommiertesten Verhaltensforscher, Kurt Kotrschal klärt mit einem Buch auf, warum der Wolf das Rotkäppchen nie gefressen hätte.

Ob Märchen, Film oder Fernsehen: Wölfe begleitet seit Jahrhunderten ein schlechtes Image. Klar, immerhin frisst er die Großmutter, das Rotkäppchen und sechs Geißlein in Serie, pustet die Häuser der kleinen Schweinchen um und gilt auch in der Fabel als der verschlagene Bösewicht "Isegrim". Doch Märchen sind eben Märchen und bis auf Schneewittchen hätten demnach auch alle dunkelhaarigen Frauen den Stempel der unsympathischen Stiefschwester. Der Wolf ist also genauso "böse", wie die Eule "schlau" ist – mitnichten. "Heute" begleitete Kurt Kotrschal, einen führenden Experten zum Thema Wolf im Science-Center Ernstbrunn (NÖ) und räumt gleich mal mit Vorurteilen auf.

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Bereits bei der Ankunft können wir feststellen, dass die Wölfe auf diesem Gelände anders sind. In Sicherheit wähnend, laufen die "Canis lupus" schwanzwedelnd auf die Zäune zu und scheinen fast zu grinsen als man sie anspricht. Die Handaufzucht der scheuen Wildtiere macht sich hier bezahlt und der Vergleich zum Haushund ist mehr als naheliegend. Hauptsächlich handelt es sich um Timber-Wölfe aus Kanada und den USA. Da es bei den europäischen Zuchtwölfen leider vermehrt zu Inzest kommt, flog man die Wölflinge bereits mit 12 Tagen über den Atlantik. "Für die Arbeit mit den faszinierenden Tieren, ist es essenziell, dass man sie bereits vor dem ersten Augenaufschlag auf den Menschen prägt", so Kotrschal. Mit fünf Monaten etwa, beziehen sie dann als ein neues Rudel das Gelände und sind erstmals nicht stundenlang mit dem Menschen in Kontakt.

Keine Welpen aus den Rudeln

Um die Kontrolle der Anzahl nicht zu verlieren, dürfen sich die Wölfe des Science-Centers zwar dem Instinkt entsprechend im Herbst paaren, bringen aber im darauffolgenden Frühling keine Jungtiere zur Welt. "Unsere Männchen werden vasektomiert", erzählt Kotrschal. So bleibt der Trieb aufrecht, doch die Befruchtung kann nicht stattfinden. Für die wissenschaftlichen Vergleiche befinden sich auch Hunde auf dem Gelände. Alles Mischlinge um keine rassebedingte Feldforschung zu betreiben und ebenfalls unter den selben Bedingungen wie die Wölfe aufgezogen. Hier ist es weitaus schwieriger, einen Hundewelpen mit bereits 12 Tagen in die Obhut zu bekommen.

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Wolf oder Hund? 

Ist der Hund noch ein Wolf oder der Wolf ein Hund? In der elementarsten Frage ist Kotrschal völlig entspannt und spricht sich für den Wolf aus: "Wölfe sind völlig berechenbar, im Gegensatz zu unseren Hunden", schmunzelt er. Die Sprache ist eindeutiger, die Rangordnung wird eingehalten und niemals kam es zu einem Angriff von Wolf auf Mensch. Die Mär des bösen Wolfes ist also völliger Schwachsinn, fragen wir: "Und ob. Wir passen gar nicht ins Beuteschema, schmecken dem Wolf auch nicht und dass wir ihn jahrhundertelang bejagt haben, ist genetisch gespeichert. Der Wolf fürchtet sich vor dem Menschen – vor allem in Europa!"

Mehr Nutzen als Schaden

Natürlich ist es für einen Landwirt ein tragischer Verlust, wenn ein Wolf ein Schaf reisst – auch wenn er den Schaden sofort ersetzt bekommt. Dumm sind sie nicht, also kann es auf den hohen Weiden durchaus zu Zwischenfällen kommen, wenn die Jagd für ihn dort einfacher erscheint. Doch hier gäbe es laut dem Experten eine einfache Lösung. "Der Österreicher müsste sich wieder darauf besinnen, Herdenschutzhunde einzusetzen, wie es auch in anderen Ländern nach wie vor üblich ist", sagt der Verhaltensforscher. Für das Ökosystem wäre Wolf und Bär die wesentlich bessere Variante als all unsere Jäger. "Der Wolf sieht auf den ersten Blick, ob das Reh krank und leichte Beute ist und wird deshalb seine Energien nicht für den strammen Hirschen aufwenden", so Kotrschal. Er fungiert als Gesundheitspolizei des Waldes und hat schon alleine deshalb seine Chance verdient.

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Wir lieben Hunde, aber Wölfe machen uns Angst?

Dass auch der Chihuahua vom Wolf abstammt, haben wir völlig vergessen. Wir empfinden Liebe und Respekt zum Nachkommen, aber Furcht und Ablehnung zum Urururgroßvater? Hunde sind nur deshalb unsere besten Freunde, weil irgendwann ein Wolf zu neugierig und womöglich auch zu faul wurde, um sich um sein Futter selbst zu kümmern. "Du fütterst mich, ich beschütze dich" - ein guter Deal und vermutlich der Ursprung der Domestizierung. Beanspruchen wir also nicht aus falscher Angst ein Terrain für uns, welches schon immer jemand anderem gehörte.

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