Mitten in der Nacht stehen zwei Kinder mit Plastiksackerln vor einer Haustür in Graz. Ihre Mutter will nach Bosnien reisen, sie selbst möchten nicht mit. Also rufen sie ihren Vater um Hilfe. Was danach passiert, bringt den 41-Jährigen wegen des Vorwurfs der Kindesentziehung vor das Straflandesgericht Graz – über den Fall berichtet die "Kleine Zeitung".
Der Mann, ein in Graz lebender Kosovare, soll seinen 13-jährigen Sohn und seine zehnjährige Tochter zu Weihnachten ohne Zustimmung der obsorgeberechtigten Mutter in den Kosovo gebracht haben. Doch vor Gericht schildert er eine ganz andere Geschichte.
Am Abend des 23. Dezember habe der 41-Jährige plötzlich mehrere Nachrichten und Anrufe seiner Kinder erhalten. Als er sie schließlich erreichte, hätten sie ihn angefleht: "Bitte Papa, hol uns ab! Die Mama will nach Bosnien, und wir können hierbleiben."
"Das war komisch", wird der Angeklagte in der "Kleinen Zeitung" zitiert. Gegen 23 Uhr sei er zur Wohnung gefahren. Dort hätten sein Sohn und seine Tochter bereits mit Plastiksackerln vor der Tür gewartet. Auch mit der Mutter habe er telefoniert. Ihre Antwort lautete laut seiner Aussage: "Macht doch, was ihr wollt."
In den Jahren davor hatte die Familie die Weihnachtsfeiertage nach einem festen Muster verbracht.
Der Vater brachte seine damalige Frau und die Kinder zur bosnischen Grenze, wo ihre Verwandten nur rund 15 Minuten entfernt wohnen. Anschließend reiste er weiter zu seiner eigenen Familie in den Kosovo.
Mittlerweile sind die beiden geschieden. Das Verhältnis ist angespannt. Oder, wie es der 41-Jährige laut dem Bericht ausdrückt: "Sie eher mit mir". Nach dem Vorfall am 23. Dezember sei die Mutter zunächst weder für ihn noch für die Kinder erreichbar gewesen.
Am 27. Dezember machte sich der Mann schließlich mit den beiden auf den Weg. "Ich musste in den Kosovo für eine Kiefer-OP im Jänner", erklärt er laut "Kleine Zeitung" vor Gericht.
Unterwegs sei es ihm gelungen, die Mutter zu kontaktieren und eine Übergabe der Kinder zu vereinbaren. Doch am ausgemachten Treffpunkt an der Grenze warteten sie vergeblich auf die Frau.
"Ihr Handy war total aus", schildert der Angeklagte laut "Kleine Zeitung". Er sei daraufhin mit den Kindern weiter Richtung Kosovo gefahren. Dabei habe es ein zusätzliches Problem gegeben: "Die Kinder hatten nicht einmal Pässe."
An der serbischen Grenze hätten die Beamten schließlich Passkopien akzeptiert. Zuvor sollen auch sie erfolglos versucht haben, die Mutter zu erreichen.
Im Kosovo bemühte sich der Vater nach eigenen Angaben darum, für seine Kinder Notpässe zu organisieren. Dafür wandte er sich an die österreichische Botschaft. Dort habe man ihm erklärt, dass die Zustimmung der Mutter notwendig sei.
Diese reagierte auf E-Mails und Nachrichten der Kinder zunächst mit deutlichen Worten: "Falsche Entscheidungen haben Konsequenzen. Diese Situation habt ihr mit eurem Vater verursacht", heißt es im Bericht der "Kleinen Zeitung".
Schließlich stimmte sie doch zu. Der Vater bezahlte die Flugtickets für die Mutter und die beiden Kinder. Diese schafften es noch rechtzeitig zurück in die Schule. Seine Schilderungen konnte der 41-Jährige vor Gericht mit Chatnachrichten und E-Mails untermauern.
Der Prozess hatte sich zuvor mehrfach verzögert. Der Angeklagte war wiederholt nicht zu Verhandlungsterminen erschienen. Als Grund nannte er eine Krebsbehandlung in seiner Heimat.
Diesmal kam er freiwillig ins Straflandesgericht Graz. Ein bereits bestehender Vorführungsbefehl von Richterin Barbara Schwarz musste deshalb nicht vollzogen werden.
Die Mutter, von der die Anzeige und die belastenden Angaben stammten, wollte vor Gericht nicht gegen den Vater ihrer Kinder aussagen. "Ich will nur, dass es schnell vorbei ist", erklärte sie laut "Kleine Zeitung".
Sie machte von ihrem Recht Gebrauch, die Aussage zu verweigern. Damit durften ihre früheren Angaben nicht als Beweismittel verwendet werden. Das Ergebnis: Freispruch für den 41-Jährigen.
Auch unabhängig von der verweigerten Zeugenaussage war die Richterin von der Unschuld des Angeklagten überzeugt. "Ich hätte Sie auch so freigesprochen", sagte Barbara Schwarz zu dem Vater.
Für sie stand fest, dass der Mann nicht die Absicht gehabt hatte, seine Kinder der Mutter zu entziehen.