Zehn Jahre in Wien – und trotzdem kein freies Leben. Samira lebt in einem Gemeindebau, doch ihr Alltag war lange streng kontrolliert. Deutsch lernen durfte sie nicht, Freunde treffen war tabu. Selbst telefonieren ging nur mit Erlaubnis ihres Mannes. "Ich hatte nicht einmal einen Wohnungsschlüssel", erzählt sie im "Standard". Ihr Leben: ein Käfig mitten in der Stadt.
Heute übt sie mit einer Betreuerin einfache Sätze für einen Arzttermin. Was banal klingt, ist für sie ein riesiger Schritt. Denn jahrelang war sie von der Außenwelt praktisch abgeschnitten.
Hinter solchen Fällen steckt mehr als fehlende Integration. Männer verhindern gezielt, dass ihre Frauen selbstständig werden. Deutschkurse werden untersagt, Kontakte unterbunden, der Alltag kontrolliert. Der Verein Nachbarinnen hilft direkt vor Ort – oft in den Wohnungen der Betroffenen. "Viele Männer haben Angst, dass die Frauen sie verlassen, wenn sie eigenes Geld verdienen", sagt Betreuerin Fatima Keblawi im Standard. Alte Rollenbilder werden einfach weitergelebt – auch in Wien.
Die Auswirkungen sind massiv: Frauen sprechen kein Deutsch, haben keine Chance auf Arbeit und bleiben abhängig. Besonders betroffen sind viele Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Die Reportage zeigt, wie tief diese Isolation geht. Briefe können nicht gelesen werden, Termine nicht vereinbart – selbst einfache Dinge werden zur Hürde.
Oft bleibt es nicht bei Kontrolle. Samira berichtet auch von Gewalt. Erst als die Polizei einschritt, änderte sich etwas. Danach begann ihr mühsamer Weg zurück ins Leben. Auch Maryam lebte jahrelang isoliert. Ihr Sohn nennt den Stiefvater einen "Diktator". Gewalt und Angst bestimmten den Alltag. Schließlich packte sie ihre Sachen und floh mit den Kindern.
Mittlerweile lernen beide Deutsch und kämpfen sich zurück. Maryam will arbeiten, Samira hofft auf einen Job im Handel. Der Weg ist schwer, der Druck wächst. Doch klar ist: Mit Hilfe gelingt der Ausbruch. Oft beginnt er ganz klein – mit einem einzigen Satz auf Deutsch. Für viele Frauen in Wien ist schon ein Arzttermin kein Alltag – sondern der erste Schritt in die Freiheit.