Wer in der U3, U4 oder U6 unterwegs ist, könnte plötzlich zum Kunstwerk werden. Denn mitten in der Wiener U-Bahn sitzt Gabriel Espinal mit Zeichenblock und Bleistift – und porträtiert nichts ahnende Fahrgäste. In nur wenigen Minuten entstehen beeindruckende Skizzen, die der Künstler am Ende der Fahrt seinen Modellen schenkt.
Gemalt hat Gabriel Espinal schon sein ganzes Leben. Aufgewachsen in Venezuela, zog es ihn nach Madrid, wo er 13 Jahre lebte und Kunst studierte. Vor zweieinhalb Jahren kam er für ein Masterstudium nach Wien. Seither arbeitet der 28-Jährige hier als Künstler, zeichnet Porträts auf Bestellung, malt Ölbilder und ist bei Events gefragt. Sein großer Traum: ein eigenes Atelier – und Workshops für alle, die selbst zum Stift greifen wollen.
Die Idee für die U-Bahn-Aktion kam ihm vor eineinhalb Jahren. "Ich habe solche Videos auf Social Media gesehen – und mir gedacht: Warum nicht in Wien?", erzählt Espinal. Gesagt, getan.
Mehr als sechs Minuten braucht er für ein Porträt nicht – oft reichen ein paar Stationen. Über 240 Fahrgäste hat Espinal inzwischen in Wiens U-Bahnen gezeichnet. Die Kunstwerke verschenkt er. Die Begegnungen filmt er und teilt sie – mit Zustimmung der Porträtierten – auf Instagram. Dort folgen ihm mittlerweile mehr als 38.000 Menschen.
"Viele sind zuerst überrascht oder sogar etwas verwirrt", sagt Espinal. "Aber am Ende freuen sich fast alle." Besonders gerne zeichnet er Menschen, die lesen oder ganz in Gedanken versunken sind. "Spannende Gesichter sehe ich sofort. Am liebsten fahre ich mit der U3 – dort finde ich immer wieder tolle Motive."