Prozess in Wien

Polizistin trank Kaffee, half verletzten Kollegen nicht

Eine Polizistin wurde zu 15 Monaten bedingter Haft verurteilt. Sie soll Kollegen nach einem Autounfall keine Hilfe geleistet haben.
Wien Heute
07.04.2026, 21:27
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Eine Wiener Polizistin (60) ist am Dienstag wegen Missbrauchs der Amtsgewalt und versuchter Anstiftung zur falschen Beweisaussage zu 15 Monaten bedingter Haft verurteilt worden – das Urteil ist nicht rechtskräftig. Die Beamtin soll bei einem Einsatz in Wien-Döbling keine Hilfe geleistet haben – obwohl ihre (verletzten) Kollegen nach einem Unfall dringend Unterstützung gebraucht hätten.

Die 60-Jährige war in der Nacht auf den 28. September 2025 gerade am Heimweg von einem Objektschutz zu ihrer Dienststelle, als sie dringend aufs Klo musste. Sie hielt bei einer Tankstelle in der Heiligenstädter Straße an, welche auch in der Roadrunner-Szene sehr beliebt ist.

Polizeiwagen krachte gegen Mercedes

Wie der ORF berichtet, passierte – während die Beamtin im Geschäftslokal in Uniform von der Tankwartin einen Kaffee bekam – vor der Tür ein spektakulärer Unfall. Ein Funkwagen, in dem drei Polizisten saßen und der gerade einen Roadrunner verfolgte, krachte in einen Mercedes, der von der Tankstelle auf die Straße fuhr. Das Polizeiauto wurde dabei auf der Seite völlig zerstört.

Der Lenker des Polizeiautos konnte zwar aussteigen und über Funk Alarm schlagen, aber seine beiden Kolleginnen – eine am Beifahrersitz, eine hinter ihm – waren schwer benommen, eine sogar bewusstlos.

Schaulustige drangen in Auto ein

Die Situation wurde zusätzlich erschwert, weil sich eine große Gruppe Schaulustiger rund um das Einsatzfahrzeug versammelte. Diese standen sowohl auf der Tankstelle als auch auf der Straße und behinderten den jungen Polizisten bei seinen Hilfsmaßnahmen massiv.

"Das war kein schönes Erlebnis", erzählte der Beamte vor Gericht. "Ich war machtlos, einer gegen viele." Die Leute öffneten die Türen des Funkwagens, drangen in das Auto ein und filmten zum Teil sogar die bewusstlose Polizistin.

Abfällige Kommentare über Verletzte

Diese schilderte im Zeugenstand, dass sie "eine Menschenmasse wahrgenommen" habe, als sie wieder zu sich kam. Sie habe starke Schmerzen im Nacken und in der Schulter gespürt, ihr sei übel gewesen. Manche Schaulustige hätten abfällige Kommentare gemacht wie: "Hast Führerschein, Polizei?" oder "Kannst Autofahren, Polizei?"

Der Kollege hatte alle Hände voll zu tun, um mit der Menschenmenge umzugehen. "Hätten Sie Hilfe brauchen können in den ersten fünf Minuten?", fragte die Staatsanwältin den Polizisten im Zeugenstand. "Auf jeden Fall", antwortete dieser.

Polizistin trank weiter Kaffee

Doch die angeklagte Polizistin kam nicht zu Hilfe, sondern trank weiter ihren Kaffee. Sie gab an, den Unfall nicht bemerkt zu haben, weil sie sich kurz im hinteren Bereich der Tankstelle aufgehalten habe – das sei auch auf dem Überwachungsvideo zu sehen.

Als die Tankwartin sie dann darauf ansprach, "da war jetzt ein lauter Schepperer", und sie bat, doch nachzuschauen, ob etwas Gröberes passiert sei, ging die Beamtin nur kurz hinaus. Sie soll laut Tankwartin beim Zurückkommen gesagt haben, das sei nur "ein kleiner Sachschaden, meine Kollegen kommen damit alleine zurecht".

"Habe keine Verletzten gesehen"

"Warum haben Sie die Augen verschlossen?", fragte der Richter. "Ich habe nicht die Augen verschlossen." Die Beamtin meinte, sie habe wegen der vielen Leute "keine Verletzten gesehen oder dass es ein schwerer Verkehrsunfall war". Als sie dann ein weiteres Einsatzfahrzeug kommen sah, empfand sie ihre Hilfe nicht mehr als nötig.

"Ich bin eine, da können's alle Kollegen fragen, ich schau nicht weg", betonte sie laut ORF mehrfach. Auch über den Funk, den sie mitgehört, aber teilweise leiser gedreht hatte, habe sie vom Einsatz nichts mitbekommen.

Auswertung der Videoüberwachung

Auf den Überwachungsaufnahmen der Tankstelle sieht man, wie die Polizistin hinausgeht und zu ihrem Funkwagen geht, dann wieder ins Geschäftslokal zurückkehrt. Rund 25 Minuten nach dem Unfall fährt sie von der Tankstelle weg, teilweise mit Blaulicht, weil die Ausfahrt blockiert war.

Ihre Kollegen, die am Unfallort im Einsatz waren, wussten gar nicht, dass sie überhaupt dort gewesen war. Erst bei der Auswertung der Videoüberwachung kam das ans Licht. Auf die Frage der Staatsanwältin an die bewusstlose Polizistin, ob sie noch Hilfe gebraucht hätte, sagte diese: "Ich hätte mich über Hilfe sehr gefreut."

Gespräch mit Vorgesetztem

Am nächsten Tag wurde die Polizistin von ihrem Vorgesetzten zum Gespräch gebeten. Über Kollegen aus Döbling hatte er erfahren, dass sie anwesend war, und fragte sie, warum sie nicht geholfen habe. Als sie dann hörte, dass es insgesamt vier zum Teil Schwerverletzte gab – auch der Fahrer (19) des zivilen Autos wurde verletzt – "hat's mir die Schuhe ausgezogen". Dass sie absichtlich nichts gemacht habe, das "lass' ich mir nicht nachsagen".

Die Aussage der Tankwartin bei der Polizei und auch vor Gericht sprach allerdings gegen sie: Sie erklärte, dass die Polizistin sie mehrmals angerufen habe und wissen wollte, wie lange die Videoüberwachung gespeichert werde und ob es Tonaufnahmen gebe.

Urteil nicht rechtskräftig

Sie soll die Tankwartin auch gebeten haben, beim Verhör die Lautstärke des Crashs herunterzuspielen. "Ich soll nicht sagen, dass der Schepperer so laut war", sagte die 46-Jährige. Dass sie der Polizistin eins auswischen wolle, verneinte die Frau: "Ich hab' ja nichts davon." Wenige Tage nach dem Vorfall wurde die Beamtin suspendiert.

Das Urteil: 15 Monate bedingte Haft wegen Missbrauchs der Amtsgewalt und versuchter Anstiftung zur falschen Beweisaussage. Die Polizistin gab keine Erklärung ab, das Urteil ist daher nicht rechtskräftig. Obwohl die Strafe mehr als ein Jahr ausmacht, wurde der Amtsverlust nur bedingt ausgesprochen, weil sie sich in ihrer bisherigen Polizeilaufbahn nie etwas zuschulden kommen ließ.

{title && {title} } red, {title && {title} } 07.04.2026, 21:27
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