Die Nerven liegen doch schon etwas blank. Zwischen dem türkisen Innenminister Karl Nehammer und dem roten Wiener Stadtrat Peter Hacker kracht es seit Tagen. Der Grund: ein Ansteigen der Corona-Fälle. Mittendrin in der Debatte: Die beiden Postzentren in Hagenbrunn (Bezirk Korneuburg) und Inzersdorf in Wien-Liesing.
Doch wie kam es zu den stetig steigenden Fallzahlen bei der Post? Und wer hat Schuld?
- 1. Mai: Bewohner und Mitarbeiter des Asylzentrums Erdberg zeigten Symptome, die Bewohner wurden ins CoV-Zentrum Messe Wien verlegt.
- 2./3. Mai:Contact Tracing in der Messe in Wien, Testungen aller Kontaktpersonen, fünf von 24 Erkrankten arbeiten bei der Post.
- 5 Mai: Tests von rund 300 Personen in Starterwohnungen für Asylberechtigte ergaben zehn positive Tests.
- 7. Mai: Der Mann einer Helferin im Wiener Kindergarten Carlbergergasse (Liesing) wurde positiv getestet - ein Post-Leihmitarbeiter.
- 11. Mai: Auch die Mitarbeiterin wurde positiv getestet, der Kindergarten wurde gesperrt.
- Bis Montag, 11.5., wurden 29 der 371 Beschäftigten im Postzentrum Hagenbrunn positiv getestet, 22 Infizierte stammen aus Wien, sieben Erkrankte aus NÖ. Bekannt wurden diese Fälle aber erst am Mittwoch, dem 13. Mai.
- Nach den 29 Corona-Fällen in Hagenbrunn wurden am Donnerstag, 14. Mai, bereits weitere rund 30 Covid-19-Fälle im Postverteilzentrum Inzersdorf in Wien-Liesing bekannt.
- Am 15. Mai begann das Bundesheer einen ABC-Einsatz im Postverteilzentrum Hagenbrunn. Bei den flächendeckenden Tests wurde in Hagenbrunn mittlerweile 65 der 371 Mitarbeitern eine Covid-19-Erkrankung diagnostiziert. Ebenfalls am 15. Mai wurde bekannt: Auch eines der Kinder des KiGas in Wien-Liesing erkrankte an Covid-19.
- Am Samstag, 16. Mai, wurde bekannt: Die relativ hohe Zahl an Corona-Neuinfektionen in Wien dürfte zu einem großen Teil zu einem Cluster gehören, der Verbindungen zwischen den beiden Post-Verteilzentren, dem Flüchtlingsheim Erdberg und einem derzeit geschlossenen Kindergarten in Wien-Liesing aufweist. Dabei gibt es stets einen Konnex zu Leiharbeitsfirmen.
- Am Sonntag, 17. Mai, kündigte die Stadt Wien verstärkte Tests von Leiharbeitern an. Auch Firmen, die Leiharbeiter beschäftigen, sollen künftig intensiver untersucht werden.
- 18. Mai: Montagfrüh kamen sieben Corona-Fälle in einem Flüchtlingsheim in der Gumpendorfer Straße (Mariahilf) ans Licht. Die Erkrankten wurden in das CoV-Zentrum Messe Wien (Leopoldstadt) gebracht, das Heim wurde unter Quarantäne gestellt. Es dürfte ein Zusammenhang mit den Erkrankungen in Erdberg (Landstraße) bestehen. Und: Sechs Möbelhaus-Mitarbeiter einer Logistikzentrale in Floridsdorf erkrankten.
Wegen der Häufung von Coronavirus-Infektionen bei Mitarbeitern im Logistikzentrum der Post in Hagenbrunn waren am Montag bereits 397 Bedienstete des Bundesheeres im Schichtbetrieb tätig, betonte Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (VP) am Montag bei einem Besuch der Einrichtung. In dieser Zahl seien auch Spezialisten des ABC-Abwehrzentrums Korneuburg enthalten.
Noch in der Nacht auf Sonntag begannen Soldaten und Zivilbedienstete vom Kommando Streitkräftebasis aus Salzburg, der Steiermark, aus Niederösterreich, Oberösterreich und Wien mit der Arbeit. Sie ersetzen die komplette Mannschaft der Post in der Logistikhalle. Die Dauer des Einsatzes ist laut Verteidigungsministerium vorerst mit zwei Wochen festgelegt.
Die Unterstützungsleistung sei "zu bezahlen", sagte Tanner am Montag in Hagenbrunn. Wie hoch die Kosten sein werden, konnte Georg Pölzl, Generaldirektor der Österreichischen Post AG, nicht sagen. Er wies jedoch darauf hin, dass auch für das Postzentrum Inzersdorf in Wien bereits eine Unterstützungsanforderung abgeschickt worden sei. Sei diese eingelangt, werde das Bundesheer ebenfalls zur Stelle sein, kündigte die Ministerin an.
Es habe sich um einen Rat der Gesundheitsbehörde gehandelt, die Mannschaft an dem nö. Standort auszuwechseln, sagte Pölzl weiter. Wie viele Infizierte es in Hagenbrunn und Inzersdorf gebe, konnte Pölzl nicht sagen. "Das ändert sich laufend", meinte er. Letztstand bei den Infiziertenzahlen am frühen Montagabend: 70 in Wien wohnhaft positiv Getestete in Inzersdorf und 88 in Hagenbrunn (davon 19 in NÖ wohnhaft und 69 in Wien).
Dass seitens der Post AG im Zusammenhang mit den Coronavirus-Infektionen sorglos gehandelt worden sein könnte, "sehe ich gar nicht so", sagte Generaldirektor Georg Pölzl in Hagenbrunn. An dem niederösterreichischen Standort und in Wien-Inzersdorf habe es eine Häufung der Fälle gegeben. Das habe sich "explosionsartig entwickelt".
Tests hätten alles zutage gebracht, erklärte Pölzl. Die Mitarbeiter hätten keine Symptome gehabt. Nur eine Person sei im Krankenhaus. Pölzl verwies auch darauf, dass 12.000 bis 13.000 der 20.000 Post-Mitarbeiter täglich Kundenkontakt hätten. Dennoch habe es vor der nunmehrigen Häufung in Hagenbrunn und Wien-Inzersdorf nur Einzelfälle von Infektionen gegeben, "keine 100" österreichweit, auch in Logistikzentren.
Pölzl stellte zudem klar, dass Leiharbeiter teurer als eigenes Personal seien. Der Einsatz sei demnach kein Kostengrund, sondern entspreche den "Realitäten unserer Arbeitswelt". Er stehe auch dazu, Asylberechtigte zu beschäftigen, so der Postchef. Hagenbrunn sei vor einem halben Jahr geöffnet worden und habe demnach einen hohen Anteil an Leiharbeitern von "50 Prozent und darüber". Stammpersonal entwickle sich erst. "Leider", sagte Pölzl dazu, dass es Verzögerungen bei Lieferungen gebe.
SPÖ-Wehrsprecher Robert Laimer zeigte sich indes auch am Montag noch "entsetzt über die Zustände", wie es in einer Aussendung heißt, unter denen Grundwehrdiener in Hagenbrunn arbeiten müssten. Ein Rekrut hatte ebenfalls Kritik geübt. Das Heer konterte die Vorwürfe bereits. Mehr dazu hier.
Schließlich widersprach am Montag auch die niederösterreichische Landessanitätsdirektorin Irmgard Lechner der Aussagen des Wiener Gesundheitsstadtrats Peter Hacker (SPÖ) heftig, wonach Hagenbrunn wohl Auslöser für einen aktuellen Cluster an Coronavirus-Infektionen gewesen sei. Das sei auf Grundlage aller bekannter Fakten "sachlich nicht nachvollziehbar", sagte sie zur APA.
Die Situation sei "von uns akribisch aufgearbeitet worden", betonte Lechner. "Es gab im Postverteilerzentrum Hagenbrunn im Vorfeld keinen einzigen positiv getesteten Corona-Fall. Der Patient Null dieses Clusters war ein Mann, der von seinem Wohnsitz in Wien nach Hagenbrunn pendelte. Die nächsten drei Fälle waren ebenso Personen, die aus Wien ins Postverteilerzentrum Hagenbrunn pendelten - und zwar im gleichen Bus wie der Patient Null."
"Es wäre daher - vorsichtig formuliert - mindestens ebenso schlüssig davon auszugehen, dass das Virus von diesen Personen aus Wien ins Postverteilerzentrum Hagenbrunn getragen wurde", sagte Lechner. Generell halte sie jedoch nichts davon, "wenn bei der Eindämmung des Virus mit dem Finger aufeinander gezeigt wird". Für die erfolgreiche Bekämpfung des Virus sei es "wichtig, dass wir alle zusammenarbeiten".