Nach einem tödlichen Straßenbahnunfall in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo am Donnerstag kommt es täglich zu neuen Protesten. Die Straßenbahn war in einer Kurve entgleist und hatte den an einer Haltestelle wartenden Kunststudenten Erdoan M. (23) getötet. Vier weitere Menschen wurden verletzt. Einem 17-jährigen Mädchen musste ein Bein amputiert werden. Eine Dashcam filmte die Entgleisung.
Für viele Bosnier war die Entgleisung aber nicht bloß ein "gewöhnlicher" Unfall. Seit Jahren wurde kritisiert, dass veraltete und schlecht gewartete Straßenbahnen im Einsatz sind. Nicht bloß aufgrund von fehlender Gelder, sondern wegen Ignoranz, Misswirtschaft und Korruption.
Das ist jedenfalls das Gefühl, das bei tausenden jungen Bosniern nun dazu geführt hat, seit dem tödlichen Vorfall täglich auf die Straße zu gehen, "Gerechtigkeit!" zu rufen und Veränderung zu fordern.
Das weckt Erinnerungen an das Nachbarland Serbien, wo der tödliche Einsturz eines erst kurz davor errichteten Bahnhofsdachs in Novi Sad zu einer nach wie vor anhaltenden, landesweiten Protestwelle gegen die Regierung führte.
Die Demonstranten in Sarajevo haben fünf Forderungen:
– Transparente Aufklärung des Unfalls
– Außerbetriebnahme aller alten Straßenbahngarnituren
– Rücktritt der Verantwortlichen'
– Sichere öffentliche Verkehrsmittel
– Aussetzung der Privatisierung des öffentlichen Nahverkehrs.
In Sarajevo sind derzeit vor allem ältere Straßenbahntypen im Einsatz. Ein Teil der Flotte besteht noch aus ČKD Tatra K2-Garnituren aus den späten 1960er- und frühen 1970er-Jahren sowie aus Tatra KT8D5-Modellen aus den 1980er-Jahren, von denen teils gebrauchte Fahrzeuge übernommen wurden. Insgesamt handelt es sich um mehrere Dutzend ältere Garnituren. Seit 2023 werden zusätzlich 15 moderne Niederflur-Straßenbahnen des Typs Končar NT2200 aus Kroatien ausgeliefert, um die veraltete Flotte schrittweise zu erneuern.
Dem Straßenbahnfahrer Adis K., dessen Garnitur in einer Kurve mit überhöhter Geschwindigkeit entgleist war, machen die Demonstranten jedenfalls keinen Vorwurf. Er wurde nach einer vorübergehenden Festnahme durch die Polizei wieder freigelassen. Dennoch wird gegen ihn wegen des Verdachts auf Fahrlässigkeit ermittelt.
Die Gewerkschaft geht von einem technischen Defekt aus. Arbeitskollegen unterstützen diese These: "Vor 2, 3 Jahren ist mir mal die Bremse hängen geblieben", erzählt Almir M. bei einer Solidaritätskundgebung für seinen Kollegen laut der Nachrichtenseite klix.ba.
Indes gibt es erste Konsequenzen. Verkehrsminister Adnan Šteta erklärte am Montagabend, dass alle alten tschechischen Straßenbahnen außer Betrieb genommen wurden und erst nach Abschluss aller Überprüfungen wieder in Betrieb genommen werden. Er versprach, dass die Ergebnisse der Überprüfungen und des Betriebs vor der Wiederinbetriebnahme bekannt gegeben werden, wie klix.ba berichtet.
Der Ministerpräsident des Kantons Sarajevo, Nihad Uk, war bereits am Sonntag zurückgetreten. Ebenso der Direktor der Verkehrsbetriebe von Sarajevo, GRAS.