Drei Jahrzehnte nach dem Ende des Bosnienkriegs rollt in Italien ein verstörender Verdacht wieder auf: Die Staatsanwaltschaft Mailand ermittelt wegen möglicher sogenannter "Sniper-Safaris" in Sarajevo.
Dabei geht es um die Frage, ob wohlhabende Ausländer in den Jahren 1993 bis 1995 bosnisch-serbische Streitkräfte bezahlt haben könnten, um für einige Tage auf Zivilisten zu schießen. Gegen einen 80-jährigen Italiener wird nun wegen Mordes ermittelt.
Die mutmaßlichen "Menschen-Safaris" sollen als Jagdtouren getarnt gewesen sein, die von Triest aus organisiert wurden. Ausgelöst wurden die Ermittlungen durch eine Anzeige des Mailänder Schriftstellers Ezio Gavazzeni, der seit Jahren zu dem Thema recherchiert.
Laut Gavazzeni hätten sich auch Bürger aus Österreich und Deutschland an diesen Touren beteiligt. "Jedes Land, auch Österreich, sollte Ermittlungen einleiten, wie wir es in Italien getan haben. Jedes Land sollte seine Hausaufgaben machen", sagte der 66-Jährige im Gespräch mit der APA in Rom.
Am 17. März veröffentlicht Gavazzeni sein Buch "Cecchini del Weekend" („Scharfschützen des Wochenendes“). "Das Buch enthält einen Großteil der Informationen, die ich der Mailänder Staatsanwaltschaft vorgelegt habe und noch viel mehr", erklärte er. Der Behörde habe er Dokumente und Zeugenaussagen aus jahrelangen Recherchen übergeben.
Dass nun erstmals konkret wegen Mordes ermittelt wird, sieht Gavazzeni als Folge seiner Arbeit: "Ich bin sicher, dass sich die Ermittlungen bald ausdehnen werden und dass weitere Italiener bald angeklagt werden." Er sei bereits zweimal von Staatsanwälten vorgeladen worden, das Material sei "sehr umfangreich".
Nach dem Start der Ermittlungen hat sich auch Sarajevo eingeschaltet: Der Stadtrat beschloss vergangene Woche, sich dem Strafverfahren in Mailand anzuschließen. Der Anwalt Guido Salvini soll die Stadt vertreten. "Dies bedeutet, dass wir Zugang zu vertraulichen Dokumenten bekommen werden", betonte Gavazzeni. Die Unterstützung aus Sarajevo sei "für die weitere Entwicklung der Untersuchung von entscheidender Bedeutung".
Laut den Recherchen sollen über vier Jahre hinweg an Wochenenden Reisen organisiert worden sein, bei denen sich ausländische Schützen in den Hügeln rund um Sarajevo den Truppen anschlossen. "Wir sprechen hier von 200 Wochenenden, an denen viele italienische und ausländische Scharfschützen aus westlichen Ländern Zivilisten erschossen haben."
Die Teilnehmer sollen bis zu 300.000 Euro für ein Wochenende gezahlt haben. Politische oder religiöse Motive habe es nicht gegeben. "Es waren reiche Leute, die dorthin gingen, um Spaß zu haben", so Gavazzeni. Für solche Menschen sei das Schießen "wie ein Videospiel".