Wo der Tod nicht weit ist, sind oft auch Raben zu finden. Die schwarzen Vögel gelten seit jeher als Unglücksboten, obwohl sie einfach lösungsorientiert und höchst intelligent vorgehen. Mag ja sein, dass man in alter Zeit die schwarzen Vögel an den Hinrichtungsstätten und Schlachtfeldern als böses Omen wahrgenommen hat - heute weiß man jedoch ganz genau, dass es sich einfach um eine kluge Taktik handelte. Gruselig? Nein. G'scheit? Und wie!
Eine neue Studie, die im Fachjournal "Science" veröffentlicht wurde, zeigt, dass Raben auf der Suche nach Aas viel gerissener vorgehen, als man bisher geglaubt hat. Die Untersuchung wurde von Matthias Loretto vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie der Vetmed Wien geleitet. Zu diesem Zweck hat Loretto monatelang Bewegungsdaten von Wölfen und Raben im Yellowstone Nationalpark im US-Bundesstaat Wyoming ausgewertet.
Bis jetzt hat man angenommen, dass Raben einfach den Wolfsrudeln nachlaufen, um sich ein Stück vom Aas zu holen. "Uns hat überrascht, dass Raben plötzlich über Riesendistanzen direkt zu Rissen fliegen, als ob sie wüssten, wann und wo der nächste Riss passiert", sagt Loretto gegenüber ORF Wissen. Hellseherische Fähigkeiten kann man aber ausschließen.
„Scheinbar haben die Raben eine Möglichkeit, sich einfach über die Zeit zu merken, in welchen Gebieten es sich lohnt nachzuschauen“Matthias LorettoVetmed, Wien
Das Forschungsteam hat die Daten genau unter die Lupe genommen und erkannt, dass Wolfsrisse nicht einfach zufällig passieren. In bestimmten Gebieten sind die Wölfe erfolgreicher auf der Jagd als anderswo.
"Heute"-Tierisch war auch in der Raben-Forschungsstation Haidlhof vor Ort:
Für die Raben bringt es gleich zwei Vorteile, nicht einfach den Wölfen hinterher zu flattern, sondern gezielt die besten Jagdgebiete anzusteuern. Erstens machen sie sich so nicht von einer einzigen Nahrungsquelle abhängig, falls das Wolfsrudel einmal leer ausgeht. Zweitens bleibt den Raben mehr Zeit, ihr Revier zu verteidigen oder einen Partner zu suchen, weil sie nicht stundenlang erfolglos herumirren müssen. Die gewonnene Freizeit bringt den Vögeln also mehr Lebensqualität.
"Natürlich kann es passieren, dass die Raben sich einmal verschätzen. Im Großen und Ganzen fahren sie mit dieser Taktik aber ziemlich gut", sagt Loretto. Die Ergebnisse zeigen, dass Raben viel mehr draufhaben, als man ihnen bisher zugetraut hat, meint der Verhaltensbiologe.