Schüsse, 2 Tote – Polizei-Schlag gegen Schlepper-Gang

Der mutmaßliche Schlepper Nicu O.
Der mutmaßliche Schlepper Nicu O.LPD NÖ, heute.at
Ein Mann soll in St. Pölten ein Millionen-Business mit Schleppungen aufgezogen haben, nachdem er filmreif aus der Haft geflohen war - 205 Festnahmen.

Mega-Schlag gegen die Schlepper-Mafia, Drahtzieher war ein "alter Bekannter": Im November 2020 war Nicu O. bei einem Spitalsbesuch in Sankt Pölten geflüchtet. Kurz vor der Überstellung nach Rumänien hatte er sich im Krankenhaus St. Pölten "verarzten" lassen, riss sich von den Justizwachebeamten los, nützte den Überraschungseffekt und sprintete davon.

Flucht trotz Schüssen

Ein Beamter gab noch Schüsse ab, doch der damals 27-Jährige rannte um sein Leben und sprang ins bereits bereitstehende Fluchtauto. Am Stadtrand von St. Pölten wurde der Flucht-Dacia abgestellt und die Fahrt schließlich mit zwei Taxis fortgesetzt. Die drei Fluchthelfer (21, 26, 40) wurden geschnappt, der Häftling mit dem Hals-Tattoo konnte indes untertauchen - mehr dazu hier.

Im Februar 2021 kassierten die Fluchthelfer teilbedingte Haftstrafen - mehr dazu hier. Nicu O. war im Osten Österreichs untergetaucht und zog einen Mega-Schlepperring auf, ein Millionenbusiness. Die Eckdaten: rund 36.100 geschleppte Personen, 152 Millionen Euro Umsatz, 205 Schlepper und Komplizen konnten in NÖ, Burgenland, Ungarn, Slowakei, Tschechien und Rumänien festgenommen werden sowie 80 sichergestellte Schlepperfahrzeuge.

36.100 Geschleppte, 152 Millionen Euro Umsatz und über 200 gefasste Komplizen (92 davon in Österreich), 2 Tote im Burgenland, Schüsse auf Unteroffizier, 3 eigene Werkstätten - Bilanz des Schlepperringes

Die Schleppermafia ging sehr gründlich und bestens vorbereitet vor, überließ wenig dem Zufall: Die Täter kommunizierten via Handys, ein Handy diente der Orientierung und Routenplanung, das zweite Smartphone der Kommunikation. Dabei verwendeten die Verdächtigen stets Synonyme. Anfangs wurde die Opfer meist in Kastenwagen geschleppt. Die Fahrzeuge wurden in einer Werkstatt in Himberg (Bezirk Bruck) präpariert, in Wien-14 gab es eine eigens für Lenker von Schlepperfahrzeugen bereitgestellte Unterkunft.

Wie brutal und skrupellos die Bande mit Geschleppten umgegangen war, zeigt der traurige Fall im Burgenland: Bei Siegendorf waren im Oktober 2021 rund 30 Flüchtlinge in einem Kleinbus gefunden worden. Der Kleinbus war vom Bundesheer gestoppt worden, der Lenker rannte sofort davon und konnte flüchten. Im Kleinbus wurden schließlich zwei tote Flüchtlinge gefunden - mehr dazu hier. Die beiden Syrer waren im überfüllten Kleinbus dem Tod ausgeliefert - mehr dazu hier. Der flüchtige Schlepper (19) konnte in Lettland festgenommenwerden.

Routenänderung nach Schüssen

Auch aufs Konto der Schlepperbande geht der Schuss auf einen Soldaten: Im Jänner 2022 war am Grenzposten Eberau (Bezirk Güssing, Burgenland) ein Kastenwagen angehalten worden. Doch der Lenker drückte aufs Gas, ein Soldat musste zur Seite springen. Bei der Verfolgungsjagd gab der Schlepper sogar zwei Schüsse auf einen Unteroffizier ab, verfehlte diesen knapp - mehr dazu hier.

Danach änderte die Bande rund um Nicu O. die Schlepperroute, verlagerte die Fahrten von Ungarn/Burgenland nach Tschechien/nördliche NÖ. Als Fahrzeuge wurden nicht mehr Kastenwagen oder Kleintransporter verwendet, sondern Kombis und Vans, die durch den Einbau von Luftfedern und Folierung bzw. Schwärzung der Scheiben für die Schleppungen eigens umgebaut wurden. In Kombis wurden mindestens zehn Personen, in Vans bis zu 17 Personen transportiert.

Capo "sang" gegenüber Polizei

Auch wurde eine Unterkunft, in Form eines Hotelzimmers in Favoriten angeschafft. Dort konnte das LKA NÖ im November 2021 schließlich sechs Lenker der Schlepperbande antreffen und festnehmen. Die Bande hatte noch zwei weitere Werkstätten für das Frisieren der Autos beauftragt: eine Werkstatt in Biedermannsdorf (Mödling) sowie eine Werkstatt in der Leopoldstadt, die den Ankauf von Luftfedern und die mechanisch aufwendigen Reparaturen übernahm.

Erst Ende Jänner kehrte der in Wien wohnhafte Nicu O. nach Österreich zurück und konnte von Zielfahndern festgenommen werden. Der 28-Jährige zeigte sich in den Vernehmungen umfassend geständig und gab den Beamten wertvolle Hinweise zur Struktur der Organisation, Örtlichkeiten und Beteiligten.

Die meisten Migranten hatten laut Exekutive als Zielland Deutschland, Benelux und Frankreich. Die Opfer wurden sozusagen transportiert, in Wien untergebracht und danach durch andere Banden weitergeschleppt.

Lob vom Minister

Am Donnerstag trat Innenminister Gerhard Karner (VP) gemeinsam mit hochrangigen Beamten vor die Presse, um den Schlag gegen die Schleppermafia zu skizzieren. Der Innenminister sowie LPD-NÖ-Chef Franz Popp und LKA-Burgenland-Chef Gerhard Braunschmidt lobten ausdrücklich die Zusammenarbeit des LKA NÖ, EB Menschenhandel und Fahndung, die Ermittlungsgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität, LKA Burgenland, EB Menschenhandel, SOKO Kfz, Cobra sowie die Spezialisten der Analyse und Internet.

Der Innenminister sprach bei der Pressekonferenz in Wien von einem der größten Erfolge im Kampf gegen die Schleppermafia der letzten Jahre. "Bei diesen Banden ist ein Menschenleben nichts wert, da geht es nur um Geldgier, Profit und um brutale Mafiamethoden", so der VP-Minister.

Der Minister hob auch die tolle Zusammenarbeit mit den internationalen Polizeibehörden, insbesondere Europol in Den Haag und den rumänischen Polizeibehörden hervor.

Für alle Verdächtigen gilt die Unschuldsvermutung.

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