Seit Jahresbeginn gelten in der Formel 1 gänzlich neue Regeln. Rund die Hälfte der Leistung erfolgt mittels E-Motor, auf langen Geraden können Front- und Heckflügel flach gestellt werden, das DRS ist dafür Geschichte. Stattdessen gibt es einen Boost-Knopf. Die Folge war im Grand Prix von Australien am Sonntag klar zu erkennen. Während die Formel 1 selbst 120 Überholmanöver und damit beinahe eine Verdreifachung feierte, kommt von Fahrerseite Kritik. Die Piloten prangerten den veränderten Fahrstil mit großem Fokus auf die Batterieladung an, auch Fans zeigten sich wenig begeistert, vermissten den "Vollgas-Sport" Formel 1. Die Fahrer mussten tatsächlich auf den Geraden früher vom Gas gehen oder zwischenzeitlich lupfen, um die Batterie leichter aufladen zu können.
Die Kritik konnte auch "Sky"-Experte Ralf Schumacher nachvollziehen, auch wenn der Deutsche, der das Rennen Co-kommentierte, im Podcast "Backstage Boxengasse" meinte: "Ich fand das am Anfang gut." Ferrari-Star Charles Leclerc hatte sich aufgrund des Startvorteils der Italiener die Führung geschnappt, ein rundenlanges Duell mit dem späteren Rennsieger George Russell um die Führung folgte. Mittlerweile habe sich die Meinung des Ex-Piloten aber geändert: "Wenn ich ehrlich bin, verstehe ich die Fahrer."
Was der Sieger von sechs Formel-1-Rennen besonders anprangerte: Das fahrerische Können, einen Formel-1-Boliden bei Höchstgeschwindigkeiten zu lenken, würde verloren gehen. "Der Mut der Fahrer, der vorher nötig war, in schnellen Kurven mehr Risiko einzugehen, ist jetzt nicht mehr da", meinte Schumacher.
Aston-Martin-Star Fernando Alonso hatte gemeint, aktuell könne sogar "der Koch" das Auto lenken. Aussagen, die der Bruder von Siebenfach-Weltmeister Michael Schumacher nicht gänzlich beiseite wischen konnte. "Man nimmt jetzt dieses Fahrerische weg und ersetzt es durch einen künstlichen Eingriff", so der 50-Jährige, der auch anprangerte: "Mir haben auch viele Überholmanöver zu künstlich gewirkt. Am Ende war das eine künstlich herbeigeführte Spannung."
Nun sei entscheidend, in welche Richtung sich die Rennserie weiterentwickle: Ob die fahrerische Leistung der Piloten zähle oder möglichst viele Überholmanöver generiert werden sollen. "Ich habe fast ein bisschen das Gefühl, dass das im Moment nicht ungefährlich für die Formel 1 ist", so Schumacher, der sich auch eine baldige Abkehr vom aktuellen Regelwerk vorstellen könnte. "Wenn ich der Boss der Formel 1 wäre, würde ich mir das Reglement so, wie es jetzt ist, nicht bis zum Ende anschauen", so der Ex-Pilot. Aktuell ist das Reglement bis 2030 fixiert.
Man darf aber ohnehin davon ausgehen, dass die Formel-1-Teams große Fortschritte machen, womöglich auch kleinere Eingriffe bei der Ladung und Entladung der Batterien denkbar sind.