Fußball-Premiere! Kommenden Sonntag steigt in Favoriten das erste große Wiener Derby der Frauen zwischen Austria und Rapid. Star der "Veilchen" ist Carina Wenninger. Die 35-Jährige hat 127 Länderspiele in den Beinen, ist Bayerns Rekordspielerin, war mit den Münchnerinnen und später mit Roma Meisterin, holte zuletzt mit der Austria das "Double".
Im "Heute"-Interview spricht sie über das Wiener Gipfeltreffen, die Spektakel-Spiele der Austria in der Champions League, das Interesse der Männer an den Frauen-Matches, die zuletzt laute Kritik der Eishockey-Frauen am Verband, die ausländischen Teamchefs bei den heimischen Fußball-Nationalteams und die Derby-Giganten Herbert Prohaska und Hans Krankl. Und sie verrät, wer für sie der Bessere ist: Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo.
"Heute": Sie haben 127 Länderspiele, sind Bayerns Rekordspielerin. Mit den Münchnerinnen und danach bei der Roma holten Sie Meistertitel und Pokal, zuletzt mit der Austria das "Double". Dennoch: Ist das bevorstehende Wiener Derby ein Höhepunkt Ihrer Karriere?
Carina Wenninger: "Ja, es ist ein Höhepunkt. Es ist ein ganz spezielles Spiel, die Fans lieben es. Auch bei uns Spielerinnen kribbelt es besonders. Ich freue mich brutal."
"Heute": Am Papier ist die Austria klarer Favorit. Ein Derby hat aber eigene Gesetze. Wie schwer wird es?
Wenninger: "Es wird für uns ganz schwer, vor allem körperlich sehr herausfordernd. Wir spielen am Donnerstag noch Champions League gegen Inter Mailand, beschäftigen uns jetzt noch mit den Italienerinnen. Rapid wird gegen uns den Extra-Meter gehen. Es wird speziell."
"Heute": Vor der Austria waren Sie kurz bei Rapid. Macht das dieses Derby für Sie noch einmal emotionaler?
Wenninger: "Für mich nicht. Ich bin als Grazerin zu Rapid gekommen, war als Mädel schon bei den Spielen von Sturm im Stadion. Es war damals in Hütteldorf ein gutes Projekt im Aufbau. Bei der Austria ergab sich dann die Möglichkeit, noch einmal auf höchstem Niveau zu spielen. Und so jung bin ich nicht mehr."
"Heute": Bei den Männern geht es am Platz mitunter sehr emotional zu. Beherrschen auch die Frauen diesen verbalen Schlagabtausch?
Wenninger: "Ein großes Wiener Derby der Frauen gab es ja noch nicht. Aber ja, ein blöder Spruch kann immer wieder passieren, auch der Versuch, den Schiedsrichter auf seine Seite zu ziehen."
"Heute": Sie haben einmal gesagt, die Austria-Fans sind die besten. Warum?
Wenninger: "Ich habe schon viel erlebt, aber unsere Fans unterstützen uns extrem, sind überall dabei, waren auch zuletzt bei Chelsea lauter als die Anhänger des Gegners."
"Heute": Derbys der Männer waren zuletzt auch immer wieder von Fan-Ausschreitungen gestört. Das Spiel der Frauen findet am Sonntag auch ohne Gäste-Fans statt.
Wenninger: "Es ist ein schmaler Grat für die Vereine. Die Fans sind wichtig, machen mit ihrem Support diesen Sport aus. Aber Gewalt geht gar nicht."
"Heute": Sie sind Bayerns Rekordspielerin. Diese berühmte "Mia-san-mia"-Mentalität – war die auch im Frauen-Team spürbar?
Wenninger: "Wir waren zu Beginn nicht so erfolgreich, haben das aber natürlich auch mitgekriegt. Dieses Selbstbewusstsein, diese Einstellung, auf sich zu schauen, der Gegner muss sich nach uns richten, das Spiel nicht dahinplätschern zu lassen, immer auf das nächste Tor gehen. Das versuche ich auch bei der Austria weiterzugeben."
"Heute": Gab es bei den Bayern einen Austausch mit dem Männer-Team?
Wenninger: "Ja, die Männer tauschen sich immer wieder mit uns aus. Bei den Bayern war Bastian Schweinsteiger sehr am Fußball der Frauen interessiert. Jetzt bei der Austria ist Johannes Eggestein bei vielen unserer Spiele dabei. Auch sonst gibt es Kontakt. Wir essen im gleichen Raum, sind nach den Männern im Kraftraum. Es ist alles sehr harmonisch."
"Heute": Im Eishockey übten zuletzt Österreichs Frauen heftige Kritik am Verband. Es ging um eine Ungleichbehandlung gegenüber den Männern, um eine schlechtere Verpflegung und Unterbringung bei Reisen, um mangelnde Bezahlung. Nachvollziehbar?
Wenninger: "Ja, absolut, weil es bei uns zu Beginn ähnlich war. Mittlerweile hat sich der Frauen-Fußball bei uns aber zu einem tollen Projekt entwickelt. Wir werden im Klub positiv dargestellt, sind zufrieden, wie es jetzt ist."
"Heute": Was könnte besser sein?
Wenninger: "ich wünsche mir, dass Spielerinnen ihren Beruf als Fußballerin voll ausüben können, sich darauf komplett konzentrieren können – mit einem Umfeld, dass sie hinsichtlich Bezahlung, Infrastruktur und medizinischer Betreuung optimal auf die Spiele vorbereitet.
Unsere Bundesliga entwickelt sich dabei gut, mit Traditions-Duellen, die man gut von den Männern kennt. Und mit Vereinen wie uns, Rapid, Salzburg, Sturm, LASK oder BW Linz ist auch eine größere Infrastruktur schon vorhanden."
"Heute": Sportlich gesehen ist das Frauen-Team der Austria derzeit klar über die Männer-Mannschaft zu stellen. Hier Meister, Cupsieger, Champions League – dort derzeit ein Kampf im unteren Tabellendrittel. Gelingt den Männern noch der Sprung in die Top 6?
Wenninger: "Ich hoffe es, das muss der Anspruch sein. Aber es ist schwierig, weil viele junge Spieler dabei sind, die natürlich Leistungsschwankungen haben. Es braucht Geduld. Ich hoffe auf die Top 6. Es wäre gut, wenn alle Abteilungen im Verein gut performen."
"Heute": Stichwort Nationalteam: 2017 waren sie mit der Nationalmannschaft im EM-Halbfinale. Aktuell stagnieren die Leistungen des Teams. Warum?
Wenninger: "Es fand ein Umbruch statt, Leistungsträgerinnen haben aufgehört. Es hat damals bei uns Vieles zusammengepasst, teilweise haben wir bei den Ergebnissen auch überperformed. Diese Übergangsphase dann war normal."
"Heute": Bei den Männern verlief die WM jetzt nicht ganz wunschgemäß. Wie ist Ihre Einschätzung?
Wenninger: "Das Abschneiden war solide, nicht sehr gut. Davor hat die Leistung über lange Zeit gestimmt. Die zwei letzten Auftritte waren wieder gut. Ich freue mich auf die nächsten Spiele."
"Heute": Beide Nationalmannschaften setzen mit Ralf Rangnick und Lars Söndergaard auf Trainer aus dem Ausland. Gut?
Wenninger: "Am Ende geht es um Qualität, um eine Mischung aus Fachkompetenz und sozialer Kompetenz – das muss stimmen. Und ein unvoreingenommener Blick von außen ist oft nicht schlecht."
"Heute": Vor dem Derby geht es für die Austria am Donnerstag in der Champions League daheim gegen Inter Mailand weiter. Danach warten Juventus, die Bayern, Manchester City und Benfica Lissabon. Wie stehen die Chancen?
Wenninger: "Alleine, dass wir da dabei sind, ist schon gut. Beim Auftakt gegen Chelsea waren wir der Underdog, haben dann gut mitgehalten. Das wird Inter auch gesehen haben. Das macht es für uns nicht leichter, sie werden uns sicher nicht unterschätzen."
"Heute": Wie gut ist die Austria?
Wenninger: "Wir haben eine gute Stimmung im Team, haben ein tolles Kollektiv und eine hohe Intensität im Spiel. Athletisch können wir international auf Top-Niveau mithalten."
"Heute": Sie sind jetzt 35 Jahre jung – gemessen an Cristiano Ronaldo (41) oder Lionel Messi (39) im besten Fußball-Alter. Wie lange geht es noch?
Wenninger: "Aktuell geht es mir körperlich gut, ich kann der Mannschaft noch helfen. Ich habe einen Einjahresvertrag, es ist gut möglich, dass es danach weitergeht. Die Entscheidung fällt im Frühjahr."
"Heute": Apropos Ronaldo und Messi – wer ist der Bessere?
Wenninger: "Ich bin Team Ronaldo, auch wenn Messi aktuell wohl stärker ist. Messi kannst du in jede Liga geben – er wird immer funktionieren. Mir imponiert aber, auf welch hohem Fitnesslevel Ronaldo seit Jahren ist, mit seiner Einstellung und seiner Disziplin."
"Heute": Zum Abschluss die ewige Derby-Frage: Herbert Prohaska oder Hans Krankl?
Wenninger: "Herbert Prohaska. Ich hatte zuletzt die Gelegenheit, mich öfters mit ihm auszutauschen. Er ist ein toller Mensch, sympathisch, am Boden geblieben. Es ist nicht überraschend, dass ihn alle mögen."