In der Nacht auf den 1. September wurde Marsel B. in einer Zelle der Justizanstalt Klagenfurt tödlich verletzt. Der 19-Jährige soll von seinem 17-jährigen Mitinsassen mit der Klinge eines Einwegrasierers attackiert worden sein. Gegen den Jugendlichen wird wegen Mordes ermittelt, es gilt die Unschuldsvermutung.
Für Marsels Eltern Lendita und Ramiz und seine drei Geschwister ist seitdem nichts mehr wie zuvor. Besonders schwer trifft die Familie auch der Umgang mit ihnen nach der Tat. Am Vormittag des 1. September sei die Mutter telefonisch über den Tod ihres Sohnes informiert worden. Zunächst habe sie an einen Betrugsanruf oder einen schlechten Scherz gedacht. Erst nach einem Anruf bei der Polizei in Wolfsberg wurde der Familie bestätigt, dass Marsel tatsächlich tot ist.
Die Angehörigen fuhren anschließend selbst nach Klagenfurt. Dort fand ein Gespräch mit Mitarbeitern der Justizanstalt, Psychologen und weiteren Beteiligten statt. "Wir wurden komplett alleine gelassen", sagt die Familie gegenüber der "Kleinen Zeitung". Bis heute sei niemand bei ihnen gewesen, um nachzufragen, wie es ihnen gehe oder ob sie psychologische Unterstützung benötigen.
Besonders eine Frage lässt die Familie nicht los: Warum saß Marsel mit dem 17-Jährigen in einer Zelle? Die Eltern berichten, ihr Sohn habe bei Haftbesuchen mehrfach gesagt, dass er aus der Zelle mit dem Jugendlichen weg wolle. Auch Mitarbeitern der Justizanstalt soll er das laut Familie mitgeteilt haben.
Offizielle Beschwerden oder Verlegungsanträge liegen der Gefängnisleitung laut eigenen Angaben allerdings nicht vor. Auch die Staatsanwaltschaft Klagenfurt konnte bislang keine entsprechenden Hinweise finden.
Fest steht laut den Ermittlern jedoch, dass es zwischen den beiden Häftlingen bereits vor der tödlichen Attacke Probleme gegeben haben soll. Auch der 17-jährige Tatverdächtige gab bei seiner Einvernahme an, dass es zwischen ihm und Marsel Streit gegeben habe. Eine offizielle Meldung machte aber auch er nicht.
Marsels Schwester Sanja und die Eltern wollen nun genau wissen, was in der Justizanstalt passiert ist. Unterstützt werden sie dabei von Rechtsanwalt Philipp Tschernitz. Marsel war wegen eines Suchtmitteldelikts und Einbrüchen in Haft. Laut seiner Familie hatte er eine Therapie statt einer Strafe genehmigt bekommen und wäre bald wieder freigelassen worden.
"Er wollte ein neues, friedliches Leben weiterführen und wir, seine Familie, wollten ihm beistehen und helfen. Aber es war leider zu spät."
Das Bundesministerium für Justiz bestätigt in einer schriftlichen Stellungnahme, dass die Eltern telefonisch vom Tod ihres Sohnes informiert wurden. Auch dass die Familie die Fahrt zur Justizanstalt selbst organisieren musste, wird nicht dementiert.
Beim Gespräch in der Justizanstalt seien Vertreter der Justizanstalt, der Polizei, der Staatsanwaltschaft und des Kriseninterventionsdienstes anwesend gewesen. "Angehörige können selbst entscheiden, ob und inwiefern sie das Kriseninterventionsteam oder weiterführende unterstützende Maßnahmen, wie über den Weißen Ring oder andere kostenfreie Nachbetreuungseinrichtungen, in Anspruch nehmen", heißt es aus dem Ministerium laut der "Kleinen Zeitung".
Nahe Angehörige hätten zudem Anspruch auf kostenlose juristische und psychologische Prozessbegleitung im Strafverfahren gegen den mutmaßlichen Täter. Der Familie sei außerdem ein persönliches Gespräch mit dem Leiter der Justizanstalt, der Leiterin des psychologischen Dienstes und der zuständigen Staatsanwältin angeboten worden. Dieses Angebot habe die Familie angenommen.
Für die Eltern ist der Verlust ihres Sohnes dennoch allgegenwärtig. Marsel war in Wolfsberg aufgewachsen, dort zur Schule gegangen und hatte dort gelebt und gearbeitet.
Seine Familie will nun sogar aus Wolfsberg wegziehen. Zu viele Erinnerungen seien mit der Stadt und der gemeinsamen Wohnung verbunden. "Überall, wo wir sind, wohin wir gehen, war auch Marsel. Ich sehe überall meinen Sohn, will mit ihm reden, ihn umarmen. Und ich hoffe immer, dass ich aus einem Traum aufwache", sagt sein Vater.
Dann komme die Realität zurück: "Doch dann schaue ich herum und sehe Marsel nicht. Er ist tot und er wird nie wiederkommen." Das Justizministerium verweist unterdessen auf die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sowie interne Untersuchungen und macht dazu derzeit keine weiteren Angaben.