Fast auf den Tag genau 40 Jahre ist es her, dass der Reaktorunfall von Tschernobyl die Welt in Angst und Schrecken versetzte. Die Folgen der radioaktiven Verstrahlung sind noch immer mess- und sichtbar. Die ZIB2 widmete sich am Mittwoch dieser Thematik. Als Studiogast hatte Moderator Armin Wolf den Atomexperten Georg Steinhauser von der TU Wien zu Gast.
Zunächst wurde Steinhauser mit der Zahl konfrontiert, wonach die Reaktorkatastrophe in Österreich rund 1.000 zusätzliche Krebsfälle verursacht habe. Das sei lediglich ein errechneter, hypothetischer Wert, der statistisch nie aufgefallen sei, relativierte der Experte. Die Strahlenbelastung, die heute von Tschernobyl ausgehe, sei weniger als ein Prozent der natürlichen Strahlenbelastung. Man könne also "selbstverständlich" Schwammerl aus dem Salzkammergut konsumieren.
Angesprochen auf mehrere Forschungsreisen nach Tschernobyl erklärte Steinhauser, dass der Flug dorthin für eine höhere Strahlendosis sorge, als der Aufenthalt vor Ort. Er schränkte aber ein: "Dort leben würde ich auch nicht wollen. Aber eine Woche finde ich unproblematisch".
Die Atomkraft sei nicht so unsicher, wie sie erscheint. Radioaktivität fühle sich beklemmend an, weiß der Experte. Er gibt allerdings zu bedenken, dass – gemessen an den Todesfällen pro erzeugter Kilowattstunde – die Kernenergie "eine der sichersten und ungefährlichsten" Stromerzeugungsarten überhaupt sei. Die Solarenergie sei gar "deutlich gefährlicher", weil jedes Jahr "beliebig viele Menschen vom Dach fallen, wenn sie dort Solarpaneele installieren".
Sein Fazit: So wie die Kernenergie heute betrieben werde, sei sie "unfassbar sicher". Der Reaktor von Tschernobyl sei mit heutiger Technologie nicht mehr vergleichbar. Das sei in etwa so, wie wenn man aufgrund des Hindenburg-Desasters die Luftfahrt für unsicher erklären würde. So wie es damals gemacht wurde, hätte es niemals gemacht werden dürfen. Ein solcher Unfall sei heute "völlig ausgeschlossen".
Der Reaktorunfall von Tschernobyl sei auf ein "dilettantisch durchgeführtes" Experiment zurückzuführen, von dem heute jeder Physikstudent auf der TU Wien abraten würde. Da es in Österreich aber keine Mehrheit für Kernenergie gebe, sei es zu akzeptieren, dass in Österreich auch auf absehbare Zeit kein Atomkraftwerk gebaut werden dürfte.