Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 hat auch Österreich stark getroffen – und ihre Spuren sind bis heute messbar. Besonders ein Faktor spielte damals eine entscheidende Rolle: der Regen.
Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986 in der damaligen Sowjetunion (heute Ukraine). Bei einem missglückten Sicherheitstest im Kernkraftwerk kam es zu einer Explosion und einem Brand, wodurch große Mengen radioaktiver Stoffe in die Atmosphäre gelangten. Die radioaktive Wolke breitete sich über weite Teile Europas aus.
In Österreich wurde die Bevölkerung zunächst nicht sofort informiert, da die Sowjetunion den Unfall anfangs geheim hielt. Erst als in Skandinavien erhöhte Strahlungswerte gemessen wurden, wurde die Katastrophe international bekannt. Kurz darauf registrierten auch österreichische Messstationen ungewöhnlich hohe Strahlenwerte.
In den folgenden Tagen berichteten Medien und Behörden über die Situation. Maßnahmen wie Lebensmittelkontrollen, Verzehrwarnungen und Einschränkungen bei frischem Gemüse und Milch wurden eingeführt, um die Bevölkerung zu schützen. Heute gilt Tschernobyl als eine der schwersten Nuklearkatastrophen der Geschichte.
Am 30. April 1986 erreichte die radioaktive Wolke Österreich. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt begann es in vielen Regionen zu regnen.
Die Folge: Radioaktive Stoffe wurden aus der Luft "ausgewaschen" und gelangten verstärkt auf den Boden. "Österreich war dadurch stärker betroffen als viele Nachbarländer", erklärt Experte Christian Katzlberger von der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) im Interview mit dem Ö1 Morgenjournal.
Hier sind noch Spuren des radioaktiven Stoffes Cäsium-137 nachweisbar.
Im Osten Österreichs – etwa im Weinviertel oder Burgenland – blieb die Belastung deutlich geringer, weil es dort kaum geregnet hat.
Cäsium-137 baut sich nur langsam ab. "Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von 30 Jahren", so Katzlberger, "rein physikalisch betrachtet ist jetzt also mehr als die Hälfte weg." Komplett verschwunden ist es aber noch nicht.
Waldböden seien aber noch immer stärker belastet als landwirtschaftlich genutzte Flächen. "In landwirtschaftlich genutzten Böden ist das Caesium gebunden: Es klebt an Tonmineralien. Das heißt, da ist das Caesium für die Pflanzen nicht mehr verfügbar und somit kommt es auch nicht mehr in die Lebensmittel." Das bedeutet, dass Lebensmittel aus der Landwirtschaft heute nicht mehr belastet sind. Regelmäßige Kontrollen zeigen: Die Werte liegen wieder auf dem Niveau vor Tschernobyl.
Laut AGES zeigen Bodenuntersuchungen, dass sich Cäsium-137 auch Jahrzehnte nach der Tschernobyl-Katastrophe vor allem in den obersten zehn Zentimetern des Waldbodens befindet. Zusätzlich wird es durch herabfallendes Laub sowie abgestorbenes Pflanzen- und Pilzmaterial immer wieder in den Boden eingetragen. Deshalb sind Waldprodukte bis heute stärker belastet.
Vor allem bei manchen Pilzen zeigen sich noch erhöhte Werte. Eierschwammerl, Parasole und Steinpilze sind meist unbedenklich, bei manchen Arten (z. B. Maronenröhrlinge) sind höhere Werte möglich. Überschreitungen des Grenzwerts betrafen aber nur Pilzproben aus Regionen mit bekannter hoher Bodenbelastung.
Wichtig: Selbst bei regelmäßigem Verzehr besteht laut Experten keine Gesundheitsgefahr.
Katzlberger: "Selbst wenn man jedes Jahr zehn Portionen Pilze isst, die über dem Grenzwert liegen, erfährt man nur eine geringe Dosis: Das sind einige Prozent von dem, was man sowieso an natürlicher Radioaktivität aufnimmt."
Ein Unterschied zu 1986: Heute würde man schneller informiert werden. Es gibt internationale Meldepflichten, bessere Überwachungssysteme und frühzeitige Schutzmaßnahmen.
Schon damals hatte Österreich ein gut ausgebautes Messnetz und kontrollierte tausende Lebensmittelproben.