Duell der Extreme in Chile. Wenn an diesem Sonntag die rund 15 Millionen Wahlberechtigten des südamerikanischen Anden-Landes zu den Wahlurnen schreiten, haben zwei Kandidaten die besten Chancen auf den Wahlsieg: Die 51-jährige Kommunistin Jeannette Jara oder der 59-jährige Rechtskonservative José Antonio Kast. Die beiden liefern sich in Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit jeweils um die 25 %.
Bereits auf Rang drei vorgerückt ist in den Umfragen aber auch Johannes Kaiser, ein Nachkomme deutscher Auswanderer, der fast 20 Jahre als Bummelstudent in Innsbruck verbrachte, wo er Mitglied einer deutschnationalen Burschenschaft war und fließend Deutsch mit österreichischem Akzent lernte.
Der Wahlkampf war von der gestiegenen Kriminalitätsrate, insbesondere bei Morden und Entführungen, geprägt. Die Mordrate ist laut Behörden innerhalb eines Jahrzehnts von 2,5 auf 6 pro 100.000 Einwohner gestiegen, und die Zahl der Entführungen erreichte im vergangenen Jahr 868 Fälle – ein Anstieg von 76 % gegenüber 2021.
Viele bringen die gestiegene Kriminalität in Verbindung mit der ebenfalls gestiegenen Zuwanderung der letzten Jahre. Der Anteil von Zuwanderern an der Bevölkerung hat sich in den letzten sieben Jahren auf 8,8 Prozent verdoppelt. Sowohl die kommunistische Kandidatin als auch die rechten Kandidaten treten daher für weniger Zuwanderung und mehr Abschiebungen ein.
Für Schlagzeilen sorgt aber auch der 49-jährige Nationallibertäre Johannes Kaiser, der oft als chilenisches Pendant zum libertären argentinischen Präsidenten Javier Milei dargestellt wird und in den Umfragen auf Platz drei vorgerückt ist. Libertär bedeutet, sich für einen möglichst schlanken Staat einzusetzen, der mit seinen Steuern im Wesentlichen nur Polizei und Militär finanziert, während Gesundheit, Bildung und Altersvorsorge reine Privatsache sind.
„Niemand kommt aus der Armut mithilfe des Staates, es sei denn, er ist Politiker“Johannes Kaiserbei einer Wahlveranstaltung in Chile, NZZ, 13.11.2025
Kaiser wird im Ersten Wahlgang am Sonntag eine Überraschung zugetraut. Er verspricht, illegale Einwanderer abzuschieben und Vorbestrafte, wie es auch US-Präsident Donald Trump macht, nach El Salvador in ein Hochsicherheitsgefängnis zu stecken. Zudem gilt er als Befürworter der faschistischen Pinochet-Diktatur, die das Land nach einem Militärputsch von 1973 bis 1990 prägte. Die Machtergreifung Pinochets nennt Kaiser eine "positive Zäsur". Zudem fordert Kaiser die Einführung der Todesstrafe und das Recht für Jedermann, eine Waffe zu besitzen.
Kaiser, der mit vollem Namen Johannes Maximilian Kaiser Barents-Von Hohenhagen heißt, wurde am 5. Jänner 1976 in der Landeshauptstadt Santiago de Chile geboren. Seine Großeltern väterlicherseits stammten aus Deutschland. Großvater Friedrich Ernst Kaiser Richter war 1936 von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei (NSDAP) als Propagandaführer nach Chile entsandt worden. Kaisers Vater war wiederum in der Nationalpartei Chiles aktiv.
„Das ist schon eine spinnerte Geschicht“Johannes Kaiserim Gespräch mit der NZZ, 13.11.2025
Lange aufrecht gehaltene Behauptungen der Familie, Kaisers Großvater sei als Sozialdemokrat vor den Nazis nach Chile geflohen, wurden mittlerweile durch Dokumente aus den chilenischen Archiven als Lüge entlarvt.
Nach dem Besuch einer deutschen Schule in Chile zog Kaiser nach 1995 zum Studium nach Deutschland, wo er an der Universität Heidelberg ein Jus-Studium begann, das er nicht abschloss. 1999 zog er nach Innsbruck, wo er laut eigenen Angaben ab 2002 an der Universität Kurse in Politikwissenschaft, Philosophie, Soziologie, Volkswirtschaft, Geschichte und Jus besuchte – aber ebenfalls keinen Studienabschluss erreichte.
Während dieser Zeit wrude er laut seiner eigenen Biografie Mitglied der Akademischen Landsmannschaft Tyrol Innsbruck, einer schlagenden und deutschnationalen Studentenverbindung.
Nebenbei jobbte er als Kellner, Bauarbeiter, Hotelrezeptionist, Gebrauchtwagenverkäufer und sogar als freier Sportjournalist für den FC Wacker Innsbruck. 2013 gründete er einen Youtube-Kanal, in dem er die Politik in Chile kommentierte – wohin er 2021 schließlich zurückkehrte und in die Politik einstieg.
Dass er nun womöglich der nächste Präsident Chiles werden können bezeichnet Kaiser in fließendem deutsch mit österreichischem Akzent als "spinnnerte G'schicht", wie der Chile-Korrespondent der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ) im Gespräch mit ihm notiert.