Die durch ukrainische "Langstrecken-Sanktionen" (Selenskyj) ausgelöste Treibstoffkrise in Russland hat inzwischen auch das Herz Moskau erreicht. Seit Tagen bilden sich lange Schlangen vor Tankstellen, Treibstoff wird rationiert oder ist ausverkauft. Gleichzeitig floriert der Schwarzmarkt, wo für den Liter Benzin bis zu 500 Rubel, umgerechnet 5,64 Euro, verlangt werden.
In sozialen Netzwerken werden Adressen von Tankstellen geteilt, an denen die Wartezeit "nur" rund eine Stunde beträgt. Auch über Apps helfen sich die Spritsuchenden gegenseitig. Und diese zeigen nun in aller Deutlichkeit, was Kriegstreiber Wladimir Putin zu vertuschen versucht: die Probleme sind massiv.
So zeigt die Crowdsourcing-Seite "где бензин" – "Wo ist Benzin?" auf einer Karte alle Tankstellen an, wo es überhaupt keinen (rot) oder zumindest noch eingeschränkt (orange) Treibstoff gibt. Die Daten werden von russischen Autofahrern selbst eingespeist.
Der Kreml hatte bislang versucht, die Folgen des Krieges von Moskau fernzuhalten. Doch die ukrainischen Drohnenangriffe auf russische Ölraffinerien verschärfen die Lage. Nach Schätzung von Sergej Vakulenko, früher Stratege bei Gazprom und heute Experte bei Carnegie, waren Mitte Juni bereits 28 Prozent der russischen Raffineriekapazitäten außer Betrieb. "Die ganze Wirtschaft hier läuft mit Benzin", schreibt Kristina aus der Region Krasnodar auf Telegram. "Und online können wir auch nichts bestellen, weil niemand es liefern kann."
Als Reaktion hat Russland den Export von Treibstoff eingeschränkt und plant erstmals seit Jahrzehnten, Benzin zu importieren – ausgerechnet aus Indien, wo russisches Rohöl raffiniert wird. Nach Einschätzung von Vasily Astrov vom Wiener Institut für Wirtschaftsvergleiche (wiiw) soll damit vor allem die Krise rasch entschärft werden. "Schließlich darum, die Krise schnell zu lösen. Dabei versucht man natürlich, Moskau zu schonen", heißt es gegenüber dem "Kurier".
Dass Wladimir Putin zuletzt selbst landesweite Spritprobleme eingeräumt hat, gilt als Hinweis darauf, dass der Kreml die Lage ernst nimmt. Ein Ende der Krise ist dennoch nicht in Sicht: Die Reparatur einer Raffinerie nahe Moskau dürfte rund ein halbes Jahr dauern. Bis dahin veröffentlicht der Kreml auch keine Statistiken zum Sprithandel mehr.