Klimaschutz

Tödliche Hitze – Klimatologe warnt vor Folgen für Wien

Die Folgen des Klimawandels sind heftig. Wenn wir so weitermachen wie bisher, drohen Wien Sommer mit 80 Hitzetagen. Das können wir noch dagegen tun.

Roman Palman
Blick auf Wien vom Leopoldsberg aus.
Blick auf Wien vom Leopoldsberg aus.
Getty Images/iStockphoto

Durch den verregneten April auch bislang eher kühlen Mai sehen sich viele Kritiker des Klimawandels in ihrer Ablehnung bestätigt. So waren zuletzt etwa Aussagen wie "Die Klimaapostel haben falsch gepredigt" oder "Ich dachte mir alles trocknet aus durch die extreme Hitze durch den Klimawandel" in den Kommentaren zu den "Heute"-Berichten über die Unwetter-Katastrophe in der italienischen Emilia-Romagna mit Dutzenden gefluteten Orten und mehreren Todesopfern zu lesen. 

Doch so einfach kann man es sich nicht machen. Der Winter und die Monate zuvor waren in Österreich wie Norditalien von milden Temperaturen und anhaltender Trockenheit geprägt. Und auch eine Rückschau auf die letzten Jahre zeigt: überdurchschnittlich warme Monate und Niederschlagsdefizite nehmen immer mehr zu.

Europa erlebe durch den menschenverursachten Treibhausgasausstoß derzeit einen Temperaturanstieg um ein halbes Grad pro Jahrzehnt, schildert Marc Olefs, der Leiter der Abteilung Klimaforschung bei Geosphere Austria – die frühere ZAMG – am Samstag in der Ö1-Sendung "Im Journal zu Gast". Die Krux: Dieser langfristige Trend werde in der öffentlichen Wahrnehmung oftmals aber von kurzfristigen Ereignissen und natürlichen Klimaschwankungen wie jetzt im Mai überlagert.

+2,4 Grad: Jahresmittelwert der Lufttemperatur 2022 im Vergleich zum klimatologischen Mittel 1961-1990.
+2,4 Grad: Jahresmittelwert der Lufttemperatur 2022 im Vergleich zum klimatologischen Mittel 1961-1990.
ZAMG / GSA

Extreme Ereignisse werden häufiger

Neben Italien wurden in den letzten Tagen auch hierzulande "extreme Niederschlagsmengen, die in Österreich nur alle zehn bis zwanzig Jahre vorkommen, innerhalb von 24 Stunden" verzeichnet, so der Wissenschaftler. Was Klimawandel-Leugner als Widerspruch sehen, ist für ihn eine Bestätigung des Forschungsstandes:

"Das Bild von intensiveren kurzzeitigen Niederschlägen passt sehr gut in diese langfristige Klimaerwärmung, weil wir wissen, dass pro Grad Erwärmung, die Atmosphäre zwischen 7 und 15 Prozent mehr Wasserdampf aufnehmen kann." Zusätzlich verdunste der Boden noch mehr Wasser als vorher, werde also immer trockener. Das verschärfte solche Starkregen-Ereignisse noch zusätzlich.

<strong>Marc Olefs</strong> (l.), Leiter der GSA-Abteilung Klimaforschung, in der ORF-Sendung "Unser Klima – Unsere Zukunft" 2019. Dazu im Bild Moderator <a data-li-document-ref="51544150" href="https://www.heute.at/s/familienzuwachs-halt-tarek-leitner-auf-trab-51544150">Tarek Leitner</a> und Klimatologe <a data-li-document-ref="100216555" href="https://www.heute.at/s/oesterreichs-co2-ausstoss-wieder-stark-gestiegen-100216555">Gottfried Kirchengast</a> (r.).
Marc Olefs (l.), Leiter der GSA-Abteilung Klimaforschung, in der ORF-Sendung "Unser Klima – Unsere Zukunft" 2019. Dazu im Bild Moderator Tarek Leitner und Klimatologe Gottfried Kirchengast (r.).
Thomas Ramstorfer / First Look / picturedesk.com

Diese Folgen sind bereits spürbar

"Das bedeutet, dass die Schwankungen zwischen sehr nassen und sehr trockenen Jahren von Jahr zu Jahr, aber auch innerhalb eines Jahres, langfristig gesehen stärker werden", erklärt der Klimatologe. Er listet die Auswirkungen, die bereits jetzt spürbar sind auf:

▶ "Eine wärmere Atmosphäre bedeutet mehr Energie in der Luft. Wetter-Extreme nehmen zu.

▶ Wir haben mehr Hitzewellen, was ein gesundheitliches Problem darstellt.

▶ Wir haben häufigere trockenere Phasen, weil der Boden stärker [Feuchtigkeit] verdunstet.

▶ Wir haben kleinräumige Unwetter, weil eben der Wasserdampf in der Atmosphäre zu einer labileren Schichtung in der Atmosphäre führt. Das heißt, Gewitter können intensiver und größer werden."

Österreich sei durch die Erwärmung weitaus stärker betroffen als der globale Schnitt. Während der weltweite Temperaturanstieg zur vorindustriellen Zeit rund 1,1 Grad beträgt, sind es in unserer Alpenrepublik im Mittel der letzten 30 Jahre schon 2 Grad – also ungefähr doppelt so viel.

Das liege hauptsächlich daran, dass sich Österreich inmitten des Kontinents befinde, so erklärt Olefs. Landmassen würden sich schneller erwärmen als Ozeane. Doch auch diese haben dramatisch an Temperatur zugelegt.

"Weniger als zehn Jahre Restzeit"

Aktuelle Prognosen sprechen bereits davon, dass es bald Jahre geben wird, in denen die weltweite Durchschnittstemperatur die 1,5 Grad plus übersteigen wird. Ist damit das Pariser 1,5-Grad-Ziel verfehlt und null und nichtig?

Nein, sagt der Klimaforscher: "Es geht bei der Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels nicht darum, dass Einzeljahre diesen Wert überschreiten. Fakt ist aber: Wenn wir von den Treibhausgas-Emissionen so weiter machen wie bisher, dann haben wir etwas weniger als zehn Jahre Restzeit und spätestens dann werden auch über mehrere Jahre hinweg diese 1,5 Grad global gesehen überschritten."

Keine Alternative zu Emissions-Reduktion

Dieser Erwärmung lässt sich aber nur sehr, sehr schwer entgegensteuern. Durch die lange Aufenthaltszeit von CO2 in der Atmosphäre – "selbst nach 500 Jahren haben wir noch 30 Prozent des CO2s, das wir heute etwa durchs Autofahren zum Bäcker in die Atmosphäre emittieren" – könne man nicht einmal wie bei der Corona-Pandemie mit einem kompletten Lockdown alles auf Null stellen.

"Selbst wenn wir das machen würden, selbst wenn wir das könnten, würden wir im besten Fall [den CO2-Anteil in der Luft] auf einem einmal erreichten Niveau deckeln können, aber wir würden nicht weiter runter kommen, weil wir derzeit keine technischen Maßnahmen haben, diese relevanten Mengen an CO2 aus der Atmosphäre zu entziehen." Die Technologie dazu stecke noch in den Kinderschuhen. Eine einzelne Anlage schaffe es gerade einmal, den ökologischen Fußabdruck eines einzigen durchschnittlichen Milliardärs auszugleichen.

Hitze wird unser größtes Problem

Doch selbst wenn die Pariser Klimaziele doch noch erreicht werden – es sieht derzeit nicht danach aus –, "dann würden sich die Auswirkungen ungefähr in dem jetzt bekannten Bereich einpendeln." In den Landeshauptstädten gibt es schon jetzt 10 bis 20 Hitzetage (> 30 Grad) im Sommer.

"Wenn wir aber mit den bisherigen Emissionen so weitermachen, dann wird sich der Alpenraum um weitere 3 Grad erwärmen." Diese in Summe dann 5 Grad zusätzlich würden bedeuten, dass derzeitige Extreme "zum neuen Normal werden". 

Für Wien bedeute das: die heute noch einzelnen Hitzesommer mit 30 bis 35 Hitzetagen, die heftige gesundheitliche Folgen für etwa ältere Bürger haben, würden Standard und "wir hätten dann Ende des Jahrhunderts in einzelnen extremen Jahren 60 bis 80 Hitzetage".

Massive Veränderungen

"Die Hitzebelastung ist – und das wissen die wenigsten Menschen – bereits jetzt die tödlichste Naturgefahr. Experten rechnen mit einer Verdopplung bis Verdreifachung bei Fortschreitung der derzeitigen Emission". Im letzten Jahrzehnt habe es bereits jetzt in vier Jahren mehr Hitze- als Verkehrstote gegeben.

Wegen der hohen Bodenversiegelung würden die Großstädte von dieser Veränderung besonders schwer getroffen. Gezielte Anpassungen im Sinne von mehr Bäumen, mehr Wasserflächen würden notwendig, um diesen "städtischen Wärmeinsel-Effekt" auszugleichen.

Anderorts, im Hochgebirge würde sich das Landschaftsbild massiv verändern. "Ende des Jahrhunderts wird es nur noch in den höchsten Höhenlagen Reste selbst der größten Alpengletscher geben. Das ist jetzt schon leider traurige Gewissheit." Auch Schneefall in tiefen Lagen würde zu eine "extremen Seltenheit" werden. 

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    So kennt kein lebender Mensch mehr die Pasterze. Die Farblithographie entstand um <strong>1880</strong> und zeigt den riesigen Gletscher und das Glocknerhaus.
    So kennt kein lebender Mensch mehr die Pasterze. Die Farblithographie entstand um 1880 und zeigt den riesigen Gletscher und das Glocknerhaus.
    akg-images / picturedesk.com

    Trinkwasser-Versorgung gesichert

    Selbst in Österreich werde es künftig "punktuell" starke Probleme mit der Trockenheit geben. In bereits jetzt betroffenen Gegenden könne Knappheit mit Einschränkungen für Landwirtschaft oder Bürger ein Thema werden. "Damit müssen wir umgehen lernen."

    Der Klimatologe kann aber in einem wichtigen Punkt beruhigen: "Gesamt-Österreich wird kein Problem mit der Wasserversorgung bekommen", auch die Trinkwasser-Versorgung bleibe wohl gesichert. Der Grund: Es werde zwar eine Verschiebung zu trockeneren Sommern und feuchteren Wintern und Frühjahre erwartet, doch "die Klimaszenarien zeigen ganz deutlich, dass die Jahresniederschlagsmenge in etwa gleich bleibt."

    -12 Prozent: Jahressumme des Niederschlags 2022 im Vergleich zum klimatologischen Mittel 1961-1990.
    -12 Prozent: Jahressumme des Niederschlags 2022 im Vergleich zum klimatologischen Mittel 1961-1990.
    ZAMG / GSA

    Bis zu 1 Milliarde Klima-Flüchtlinge "realistisch"

    In Summe komme Österreich in der Klimakrise "vergleichsweise gut" davon, andere Staaten haben weniger Glück: "Wir haben derzeit rund 1 Prozent Landfläche auf der Erde, die unbewohnbar ist. Im schlimmsten Fall würde sich diese Fläche bis Ende des Jahrhunderts auf fast 19 Prozent erhöhen. Das bedeutet potenziell riesige Migrations- und Fluchtbewegungen."

    Im Hinblick auf die historische Entwicklung der Menschheit zeige sich, dass sich unsere Spezies vorrangig in einem "überraschend schmalen Bereich, der sogenannten menschlichen Temperaturnische, aufgehalten" habe. Dieser klar definierte Temperaturbereich, der "schon eh und je angenehm und positiv für das langfristige Überleben" war, wäre in vielen Gegenden der Welt dann nicht mehr gegeben.

    Die Folge: bis zu 1 Milliarde Klima-Flüchtlinge seien "realistisch". "Und das ist ein mega Problem und mega Thema für all die reichen Nationen, die sich mit Geld und Anpassungsmaßnahmen schützen können."

    Appell an alle: "So rasch wie möglich handeln"

    GSA-Experte Olefs mahnt zum Abschluss seines Ö1-Interviews, dass das weltweite CO2-Budget schon fast aufgebraucht sei. "Wir wissen ganz genau, wie viel noch übrig ist und wie viel Zeit wir noch haben, um ein tolerierbares Ausmaß an Risiken in Kauf zu nehmen. Die Physik kennt da keine politischen Grenzen und ist ganz eindeutig. Wir müssen so rasch als möglich, global gesehen, auf netto-null CO2-Emissionen – am besten bis Mitte des Jahrhunderts. Denn nur dann können wir Temperaturen und die schwere der Folgen zumindest stabilisieren. Runterkommen werden wir nicht mehr davon." 

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