Wer Wien von den Anhöhen rund um die Stadt betrachtet, erkennt sofort das markanteste Wahrzeichen: den hohen Südturm des Stephansdoms in der Wiener City. Erst beim Näherkommen fällt auf, dass da eigentlich ein zweiter Turm geplant gewesen wäre – doch der Nordturm blieb bis heute unvollendet.
Genau das will der Wiener Künstler Zino Weinstein nun zum Thema machen. Mit einer Online-Petition im Rahmen seines Projekts "Volksbegehren des Geistes" will er eine Debatte über die Vollendung des Stephansdoms anstoßen. Konkret geht es um den seit Jahrhunderten unvollendeten Nordturm. Für Weinstein ist das mehr als ein architektonisches Detail: "Der Stephansdom ist eines der wichtigsten Bauwerke Europas – und doch haben wir aufgehört, über seine Vollendung zu sprechen", erklärt er.
Der Nordturm hat eine bewegte Geschichte: Geplant und begonnen um 1450 zur Zeit von Kaiser Friedrich III., stand er in engem Zusammenhang mit der Errichtung des Bistums Wien im Jahr 1469. 1480 wurde sogar der päpstliche Bulle zur Gründung am Kirchentor des neuen Turms angebracht.
Doch der Bau kam nur schleppend voran und wurde Anfang des 16. Jahrhunderts eingestellt. Die letzte Steinschicht soll aus dem Jahr 1511 stammen. Gründe dafür gab es viele: wirtschaftliche Probleme, die Bedrohung durch die Türken und die Umbrüche der Reformation. In der Bevölkerung entstanden sogar düstere Sagen rund um Baumeister Puchsbaum und angebliche Teufelspakte.
Erst Jahrzehnte später bekam der Turm mit der sogenannten "Welschen Haube" einen Renaissance-Abschluss. Seither ist er als "Adlerturm" bekannt. Im Inneren befindet sich unter anderem die Barbarakapelle aus dem Jahr 1474, die heute als Meditationsraum genutzt wird. Zu Kriegsende spielte der Turm eine tragische Rolle: Im April 1945 brach ein Feuer aus, zerstörte große Teile der Kirche. Heute hängt im Nordturm die neue Pummerin, gegossen aus den Trümmern der damals zerstörten alten Glocke.
Für den Künstler ist all das kein Grund, den Status quo einfach hinzunehmen. Mit seinem eigenen Entwurf für einen möglichen Turmabschluss will er bewusst einen Denkanstoß liefern. Die zentrale Frage seiner Petition: Soll historische Architektur nur bewahrt werden oder darf sie auch weiterentwickelt werden.