Im Jänner dieses Jahres waren 880 Ukrainerinnen und Ukrainer in der Kärntner Grundversorgung. Das sind wieder ein paar mehr als im Jänner 2025, damals waren es noch 870. Grund dafür ist wohl die immer schlimmer werdende humanitäre Lage in der Ukraine, weil die russischen Angriffe auf die zivile Infrastruktur weitergehen. Doch wie geht es den Menschen hinter diesen Zahlen?
Svitlana, 40 Jahre alt, konnte am 10. März 2022 aus dem fast komplett eingekesselten Tschernihiw nordöstlich von Kiew fliehen – allerdings erst beim vierten Versuch. "Allein an diesem Tag fielen 20 Bomben auf die Stadt", erzählt sie. Am Tag vor Kriegsbeginn hat sie noch die Hochzeit einer Freundin gefeiert, nur Stunden später flogen schon Raketen über die Stadt Richtung Kiew. Die ersten zwei Wochen verbrachte sie in einer einfachen Hütte in den Karpaten, wie die "Kleine Zeitung" berichtet. Genau einen Monat nach Beginn der russischen Vollinvasion schaffte sie es über die Grenze nach Polen.
Im September lud sie dann eine ebenfalls geflüchtete Freundin nach Kärnten ein. Seitdem lebt sie hier. "Ich fühle mich sehr wohl, durch die private Hilfe in Kärnten wird das hier wohl meine zweite Heimat." Svitlana besucht aktuell einen B2-Deutschkurs und hat ein Praktikum in der Kulturabteilung der Stadt Villach gemacht.
Mit den Gedanken ist sie aber oft noch in der Ukraine. Ihr älterer Bruder ist gleich zu Beginn des Krieges gestorben, die Mutter lebt mit dem jüngeren, beeinträchtigten Bruder in einer kleinen Stadt nahe Tschernihiw. "Fast jede Nacht erreicht mich eine Hiobsbotschaft von ihnen", sagt sie.
Auch Klavdia, 42 Jahre alt, aus Mykolajiw hat Schlimmes erlebt. Ihre Stadt wurde kurz nach Kriegsbeginn von drei Seiten von russischen Truppen umschlossen. "Wir hatten große Angst, die Stadt wurde mit Streubomben beschossen. Bis Anfang August wurden dort allein 132 Zivilisten getötet, mehr als 600 verletzt", erzählt sie. Weil aus den Wasserhähnen nur mehr Salzwasser kam, musste Trinkwasser täglich in die Stadt gebracht werden.
Klavdia entschied sich zur Flucht über Polen. "Aber die Nähe zur Grenze zur Ukraine und zu Belarus machte mir durch den Kriegsverlauf immer mehr Angst. Als mein einjähriger Sohn im polnischen Kindergarten auch noch aufgehört hat zu sprechen, entschlossen wir uns zur Weiterreise." Im August 2023 kam die kleine Familie ohne Vater über Wien nach Kärnten.
Jetzt wohnen sie in einer eigenen Wohnung in Bad Bleiberg. Klavdia arbeitet in einem Hotel, die Tochter startet im April eine Lehre im Lebensmitteleinzelhandel und der Sohn besucht den Kindergarten. Dank logopädischer Betreuung spricht er wieder. "Wir erleben hier so starke private Unterstützung und Herzlichkeit. Wir fühlen uns wirklich wohl", sagt Klavdia. Trotzdem denkt sie oft an ihre alte Heimat. Angriffe in den Nachrichten erinnern sie immer wieder an ihre Schwester. "Sie ist noch in der Ukraine, ich mache mir große Sorgen um sie."
Stanislaw, 44 Jahre alt, musste schon 2014 aus der Oblast Luhansk fliehen. "Da es so aussah, dass es nicht allzu lange dauern wird, übersiedelte ich mit meiner Familie vorübergehend nach Dnipro – aus der temporären Flucht wurden neun Jahre", erklärt er. Den Kindern spielten sie lange vor, es sei nur eine lustige Reise. Über Freunde in Bratislava und Wien kam die Familie schließlich nach Kärnten.
"Die Hilfe, die uns hier zuteilwurde und noch wird, ist großartig. Als langjähriger Binnenflüchtling möchte ich sagen, dass sich ein fremdes Land mehr um mich und meine Familie kümmert als meine Heimat", sagt er nachdenklich. Weil eines der Kinder erkrankt ist, blieb die Familie 2023 in Villach und beschloss, hier zu bleiben. Nach vielen Gelegenheitsjobs beginnt Stanislaw im März seine Ausbildung als Lokführer bei den ÖBB.
Seine Mutter, Schwiegermutter und viele Freunde leben noch in Luhansk. "Ich mache mir täglich Sorgen um sie." Eigentlich ist Stanislaw im Alter, in dem er in der ukrainischen Armee kämpfen müsste. Immer wieder denkt er auch darüber nach. "Aber ich habe mich für meine Familie entschieden und das ist unumkehrbar."