Das Klimaszenario RCP8.5, ein Worst-Case-Modell für sehr hohe Emissionen, gilt heute als deutlich unwahrscheinlicher.
Für manche rechtskonservative Stimmen wie die ehemalige deutsche Familienministerin Kristina Schroeder oder Publizisten wie Roland Tichy und Julian Reichelt scheint die Sache klar: Die Klimaforschung habe übertrieben, die "Apokalypse" falle aus.
In Österreich stößt die FPÖ ins selbe Horn. Von Herbert Kickl abwärts fordern die Blauen lautstark die Abschaffung aller Klimaschutzmaßnahmen.
Doch diese Interpretation ist falsch. Denn RCP8.5 war nie die "offizielle Vorhersage" der Klimaforschung, sondern ein Werkzeug der Risikoanalyse. Es sollte zeigen, was passieren könnte, wenn Emissionen massiv steigen - nicht, was am wahrscheinlichsten eintritt.
RCP8.5 setzte den Basiswert der Treibhausgasemissionen laut IPCC (6. Sachstandsbericht) von Anfang an "sehr hoch" an und ging von einer Verdopplung der damaligen CO2-Emissionen bis 2050 bzw. 2100 aus.
„Die aktuelle Debatte wird politisch instrumentalisiert. RCP8.5 war nie eine Prognose, sondern ein bewusst extremes Hoch-Emissionsszenario.“Gerrit LohmannKlimawissenschaftler, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung
Nach mehr als 15 Jahren ist das Szenario (siehe Van Cuuren et al., 2011) inzwischen veraltet und auch deshalb offiziell "unplausibel" geworden, weil die reale Emissionskurve ab Mitte der 2010er Jahre - rund um die Verabschiedung des Pariser-Klimaabkommens - deutlich von dem RCP8.5-Pfad abzuweichen begannen.
Bei dem Kurs, den die Welt zur Veröffentlichung noch eingeschlagen hatte, hätten die Annahmen bei "anhaltender großer politischer Dummheit", wie es Klimaforscher Douglas Maraun sagt, jedoch eintreffen können.
Die vier ausgewählten RCP-Szenarien (2.6, 4.5, 6 und 8.5) waren repräsentativ für den Stand der Fachliteratur im Jahr 2011. RCP8.5 war durch sehr hohe Basisemissionen und die Grundannahme weiter steigender Treibhausgasemissionen gekennzeichnet. Als Extremszenario spiegelte in etwa das 90. Perzentil der vielen hunderten zugrundeliegenden Basisszenarien wider. Heißt: 9 von 10 Basisszenarien lagen darunter.
Dass es nicht so gekommen ist, ist ein großer Erfolg: Erneuerbare Energien sind massiv billiger geworden, Solar- und Windkraft wachsen weltweit schneller als erwartet, viele Staaten haben Klimapolitik umgesetzt.
„Die Menschheit hat durch Klimaschutz reagiert und dieses Szenario dadurch mehr und mehr unplausibel gemacht.“Douglas MaraunKlimaforscher, Wegener Center der Uni Graz
Genau hier beginnt die Verdrehung: Der Erfolg der Transformation wird gegen die Transformation selbst verwendet. Wenn Prävention funktioniert, entsteht im Nachhinein schnell der Eindruck, die Gefahr sei nie real gewesen - ein klassisches Präventionsparadox.
Dabei führt sich die politisch verdrehte Erzählung - folgt man ihrer Logik - selbst ad absurdum: Feuerwehren wären demnach obsolet, da Brandschutzmaßnahmen die Zahl der Brände reduziert haben. Und Abschiebungen könnte man auch gleich bleiben lassen, da jetzt weniger Migranten ins Land kommen als noch 2015.
„Das bisher Erreichte sollte uns zuversichtlich stimmen, dass Fortschritt möglich. Aber solange die CO2-Emissionen über Null bleiben, wird sich die Erde weiter erwärmen.“Zeke HausfatherUS-amerikanischer Klimatologe
Die wissenschaftliche Lage bleibt jedoch alarmierend: Auch ohne RCP8.5 steuert die Welt nach aktuellem Stand auf rund drei Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts zu - weit entfernt von den Zielen des Pariser Klimaabkommens - und jenseits der Kipppunkte vieler bekannter Erdsysteme. Von echter Entwarnung kann also keine Rede sein.