Das "Worst Case"-Szenario des menschenverursachten Klimawandels wird voraussichtlich nicht eintreten. Die darin angenommenen hohen Emissionen sind inzwischen zum Glück "nicht mehr plausibel". Deshalb wird das als RCP8.5 bekannte Szenario nicht mehr in den nächsten Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC aufgenommen und durch neu berechnete Szenarien-Pfade ersetzt.
"Das ist ein Erfolg der weltweit laufenden Energiewende! Die Emissionskurve flacht sich ab", fasst es der deutsche Klimafolgenforscher Stefan Rahmstorf zusammen. Diese Entwicklung zeichnet sich seit einigen Jahren ab, doch als das Szenario 2011 erstmals vorgestellt wurde, sah die Welt noch ganz anders aus.
"Wenn man einen Blick zurück wirft, zeichnen die weltweiten CO₂-Emissionen ein ziemlich beängstigendes Bild. Anfang der 2010er Jahre gab es noch kaum Anzeichen für eine Verlangsamung. Die weltweiten Emissionen schienen dem Worst-Case-Szenario (RCP8.5) zu folgen", konstatierte der amerikanische Klimatologe Zeke Hausfather bereits im Mai 2023.
Erst rund um das Erscheinen des 5. IPCC-Sachstandsberichts 2014/2015 konnten die Emissionen tatsächlich eingebremst werden. Beim Beschluss des Pariser Klimaabkommens 2015 galt eine Erwärmung von 3 bis 3,5 Grad als wahrscheinlich – ein laut UN "potenziell katastrophaler Weg". Dank des folgenden Kurswechsels entsprachen die Emissionen in den Jahren danach eher dem moderaten Szenario RCP4.5.
„Das Worst-Case-Szenario wäre nur bei anhaltender großer politischer Dummheit eingetreten.“Douglas MaraunKlimaforscher am Wegener Center der Uni Graz
RCP8.5 orientierte sich bei seiner Veröffentlichung im Jahr 2011 an der Schätzung des 90. Perzentils aus der Fachliteratur. Heißt: Es beinhaltet wirklich nur extreme Annahmen, wie etwa eine weitere weltweite Zunahme der Kohleverbrennung.
"Das Worst-Case-Szenario gilt nicht als unplausibel, weil die Klimaforschung das Klimasystem nicht richtig verstanden hat, sondern weil es nur bei anhaltender großer politischer Dummheit eintreten würde", bringt es Douglas Maraun, Klimaforscher am Wegener Center der Uni Graz, gegenüber der "Kleinen Zeitung" auf den Punkt. Aber: "Die Menschheit hat durch Klimaschutz reagiert und dieses Szenario dadurch mehr und mehr unplausibel gemacht."
Einschlägige Teile des Internets geben dem Wegfall des "Worst Case"-Szenarios jedoch ihren eigenen verdrehten Spin: der "Weltuntergang ist abgesagt", die "Klimalüge überführt", die "Erwärmung widerlegt", heißt es in unzähligen Social-Media-Beiträgen. In der heimischen Politik verbreitet FPÖ-Chef Herbert Kickl ("Klimahysterie") solche Behauptungen weiter, fordert deshalb die sofortige Abschaffung der CO2-Abgabe.
"Die aktuelle Debatte wird politisch instrumentalisiert. RCP8.5 war nie eine Prognose, sondern ein bewusst extremes Hoch-Emissionsszenario", erklärt Gerrit Lohmann. Für den Klimawissenschaftler am deutschen Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung ist klar: Wer behauptet, der Klimaschutz sei überzogen gewesen, betreibt politische Irreführung. "Die Physik des Klimas lässt sich nicht durch Ideologie außer Kraft setzen."
„Solange die CO2-Emissionen über Null bleiben, wird sich die Erde weiter erwärmen“Zeke HausfatherUS-amerikanischer Klimatologe
"Das bisher Erreichte sollte uns zuversichtlich stimmen, dass Fortschritt möglich ist", macht Hausfather in einem Posting auf X zu Beginn des Monats Mut. Er stellt aber klar, dass kein Weg an der Netto-Null beim Treibhausgas-Ausstoß vorbeiführt: "Solange die CO2-Emissionen über Null bleiben, wird sich die Erde weiter erwärmen".
Ein Temperaturanstieg von bis zu 5 Grad (RCP8.5) bis 2100 scheint zwar mittlerweile nicht mehr realistisch, doch auch die nun als Extremwert gehandelten fast 3,5 Grad über dem Niveau von 1850 bis 1900 wären fatal. Zur Erinnerung: 2015 war das noch das wahrscheinlichste Szenario.
„Um eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems zu verhindern, ist es erforderlich, die globale Temperaturerhöhung langfristig deutlich unter 2 Grad Celsius [...] zu begrenzen“Deutsches Umweltbundesamtzu den erwartenden Klimaänderungen bis 2100
Das derzeit wahrscheinlichste Szenario und UN-Berechnungen gehen von einer Erwärmung von "nur noch" 2,8 Grad aus – allerdings nur, wenn die Staaten ihre Klimaschutz-Versprechen auch tatsächlich umsetzen. Viele Kipppunkte des Klimasystems unseres Planeten dürften jedoch schon sehr viel früher überschritten werden.
Das deutsche Umweltbundesamt informiert dazu: "Um eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems zu verhindern, ist es erforderlich, die globale Temperaturerhöhung langfristig deutlich unter 2 Grad Celsius, idealerweise aber auf 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen."
Übrigens: Auch das untere Ende der Szenarien muss für den kommenden IPCC-Sachstandsbericht aktualisiert werden. Die realen CO2-Emissionen haben die darin getroffenen Annahmen bis 2030 überflügelt. Dass die globale Erwärmung unterhalb der 1,5-Grad-Schwelle begrenzt werden kann, gilt in der Forschung als nicht mehr erreichbar...