Ohrwürmer sind meistens nur drei bis vier Takte lang, haben eine eingängige Melodie und unser Hirn spielt sie dann in Dauerschleife ab. Die Musikwissenschaftlerin Sarah Ambros von der Uni Wien erklärt das als eine Art "musikalische Warteschleife".
"Vor allem dann, wenn du nicht ausgelastet bist, bist du besonders anfällig", sagt Ambros. Das passiert oft beim Kochen, Duschen, wenn du müde oder gelangweilt bist – dann können Melodien, die du gerade erst gehört hast, schnell zum Ohrwurm werden. Normalerweise prasseln ständig Reize auf unser Gehirn ein. "Wenn diese Reize ausbleiben, tendiert das Gehirn dazu, das auszugleichen, indem es eine musikalische Schleife wiederholt."
Lieder, die besonders ohrwurmtauglich sind, haben oft lange Noten, kleine Intervallschritte und viele Wiederholungen – so wie man das von Kinderliedern kennt. "Das ist für unser Gehirn leicht zu merken und leicht zu reproduzieren", sagt Ambros. Melodien mit Text werden auch viel öfter zu Ohrwürmern als Melodien ohne Text, weil sie sich leichter einprägen.
Manchmal bleibt ein Ohrwurm sogar tagelang im Kopf. Menschen, die eher besorgt, ängstlich oder in sich gekehrt sind, sind laut Ambros häufiger betroffen als extrovertierte Personen. Sie denken mehr über Gehörtes nach, wodurch sich musikalische Schleifen besser im Gehirn festsetzen können.
„Bei diesen Menschen sind generell die Denkprozesse stärker, sie denken intensiver über Situationen nach. Dadurch kann sich eine musikalische Schleife deutlich stärker und intensiver im Gehirn festsetzen.“
Wenn du einen Ohrwurm loswerden willst, hilft es, dein Hirn zu fordern – zum Beispiel mit Rätseln oder beim Lesen. Noch besser wirken aber Gespräche. "Wenn das Sprachzentrum aktiv ist, findet der Ohrwurm keinen Nährboden mehr", erklärt Ambros. Besonders spannend ist aber, dass sogar die Kieferbewegung das Sprachzentrum anregt. "Man könnte unser Gehirn austricksen, indem man einfach nur die Kieferbewegung imitiert", sagt Ambros. "Und das schafft man, indem man Kaugummi kaut."
ESC-2026:
Mit anderen Liedern gegen den Ohrwurm anzukämpfen, ist aber riskant, meint die Forscherin. "Die Chance bleibt dabei immer, dass man den Ohrwurm einfach nur durch ein anderes Lied ersetzt."
Für ORF Wissen hat Sarah Ambros die aktuellen Beiträge für den Eurovision Song Contest auf ihr Ohrwurmpotential geprüft. Österreichs Beitrag "Tanzschein" eignet sich laut ihr besonders gut für einen Ohrwurm.
„Bei den Refrains wird beim österreichischen Beitrag das Wort Tanzschein insgesamt zwölf Mal im gesamten Lied gehört, es eignet sich sehr gut für einen Ohrwurm“
Auch der französische Beitrag "Regarde" hat demnach das Zeug dazu, sich im Kopf festzusetzen. In diesem Song kommt die Phrase "Regarde moi" beziehungsweise "Regarde toi" ebenfalls zwölfmal vor. Je öfter Text und Melodie in einem Lied wiederholt werden, desto stärker ist das Ohrwurmpotential.