Die bisherigen Ski-Bewerbe auf der Tofana in Cortina liefern, was Geschichten betrifft, reichlich Stoff. Die Bandbreite geht von persönlichen Tragödien bis zu Comebacks, die fast nach einem Hollywood-Drehbuch klingen. Zwischen dem schweren Sturz von Lindsey Vonn und dem Gold-Comeback von Federica Brignone lagen zum Beispiel nur wenige Tage. Man könnte also meinen, ganz Cortina habe sich vom olympischen Fieber anstecken lassen.
Die Antwort darauf fällt ernüchternd aus: nein. Abgesehen vom Corso Italia, der Einkaufsstraße, und der Piazza Dibona, wo das olympische Feuer brennt und sich Menschen mit Akkreditierungen sowie vereinzelte Fans sammeln, lässt sich in Cortina nur schwer erkennen, dass hier gerade Olympische Spiele stattfinden.
Die Gründe, warum man dieses olympische Fieber im Ort selbst nur eingeschränkt spürt, sind vielfältig. Anders als in Städten wie Calgary, Sion, Barcelona oder Innsbruck wurde die heimische Bevölkerung nie zu Olympischen Spielen befragt – die Entscheidung fiel in Rom. Cortina ist zudem mehr als eine Wintersport-Destination. In der 5.483 Einwohner zählenden Stadt leben rund 2.500 Ladiner, Angehörige einer anerkannten Sprachminderheit. Ihre kulturelle Präsenz war im Eröffnungsprogramm und im offiziellen Ortsbild jedoch nicht sichtbar. Als stiller Protest hängen an zahlreichen Balkonen und Fenstern blau-weiß-grüne Fahnen – die Flagge der Ladiner.
Wer deshalb das andere Cortina sehen möchte, muss ein Stück Richtung Norden spazieren. Weg vom Corso Italia, weg von Akkreditierungen und Absperrungen. Dort wird es spürbar entspannter. Ein richtiger Winterort abseits der olympischen Kulisse. Besonders deutlich wird das im kleinen "Bar Buffet Stazione". Kaum hat man den Raum betreten, fühlt es sich eher an wie in einem Wiener Kaffeehaus im ersten Bezirk. Zwischen Kaffeetassen und Gläsern stehen Bauarbeiter, lachen über die nie ganz fertigen Baustellen und bestellen einen Espresso.
Dass sich hier ein Hauch von Wien findet, hat historische Gründe. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Cortina Teil der Habsburgermonarchie. Diese Vergangenheit zeigt sich nicht nur in der Architektur, sondern auch auf den Speisekarten. Neben dem klassischen Tiramisu gibt es auch Apfelstrudel und manchmal sogar eine Sachertorte.
Ganz grundsätzlich fühlt es sich in diesen Cafés an, als ließe sich der olympische Ausnahmezustand für einen Moment ausblenden. An der Bar kostet der Espresso 1,50 Euro – für italienische Verhältnisse beinahe schon überteuert. Und dennoch sitzt man hier entspannter als an vielen offiziellen Schauplätzen. Zwischen Kaffeetassen und Gläsern verläuft der Tag in seinem eigenen Rhythmus. Draußen mag Olympia stattfinden – hier drinnen scheint es nur eine Randnotiz zu sein.
Cortina profitiert von diesen Spielen. Die Aufträge sind da, die Gäste auch. Und doch wirkt es, als ließe die Stadt das Spektakel eher an sich vorbeiziehen, als es sich ganz zu eigen zu machen. Olympia ist zu Gast. Cortina bleibt Cortina.