Schon vor rund 35.000 Jahren haben sich die Wölfe zu den "besten Freunden der Menschen" entwickelt. Damals sind die weniger scheuen Tiere rund um menschliche Siedlungen gestrichen und haben sich an den Abfällen bedient. Mit der Zeit verloren sie die Angst vor Menschen und kamen ihnen immer näher. Nicht nur ihr Verhalten, sondern auch ihr Aussehen hat sich verändert: Die Schnauzen wurden kürzer, oft bekamen sie Schlappohren und ein geschecktes Fell.
So ähnlich passiert das jetzt auch mit den Waschbären (Procyon lotor) in Nordamerika. Wie sn.at berichtet, suchen sich viele von ihnen ihren Lebensraum in der Nähe von Menschen – etwa in Stadtparks oder bei Dörfern. Dort finden sie leicht weggeworfene Essensreste und müssen sich nicht vor großen Raubtieren fürchten. Das macht diese Umgebung für die Waschbären besonders attraktiv, erklärt Lesch, die am Department of Biology der University of Arkansas at Little Rock in den USA forscht, gemeinsam mit ihrem Team in einem Fachartikel.
Diese Waschbären sind bereits wie Katzen und leben im Haushalt mit - doch dies ist eine große Ausnahme:
"Zusammen mit einem 16-köpfigen Studentenforschungsteam haben wir über 19.000 Bilder von Waschbären durchkämmt, die Naturliebhaber online zur Verfügung gestellt hatten", erzählte sie der APA. "Anschließend berechneten wir die Länge der Schnauzen im Verhältnis zum ganzen Kopf." Dabei kam heraus, dass Waschbären, die in der Nähe von Menschen leben, deutlich kürzere Schnauzen haben als ihre Artgenossen am Land. "Das deutet darauf hin, dass diese Tiere den Weg zur Domestikation eingeschlagen haben könnten", so Lesch.
Die Verkürzung der Schnauzen und andere Merkmale wie Schlappohren, geschecktes Fell oder gekringelte Schwänze gelten laut der sogenannten "Neuralleisten-Domestizierungssyndrom-Hypothese" als Zeichen dafür, dass Tiere zahmer werden. Dabei werden bestimmte Zellen im Embryo, die für Zähne, Knochen, Knorpel, Farbpigmente und Hormone – etwa für Angst und Aggression – zuständig sind, weniger. Dadurch werden die Tiere nicht nur ruhiger und zutraulicher, sondern auch ihre Zähne und Knochen, besonders im Gesicht, kürzer. Auch das Fell verändert sich und bekommt weiße Flecken.
Waschbären haben ohnehin schon helle Flecken im Gesicht. Knickohren konnten die Forscher bei den städtischen Tieren aber keine entdecken. "Das zeigt wahrscheinlich, dass sie sich noch in den Anfangsstadien dieses Domestikationsprozesses befinden", so die Zoologin.