Menschen mit Behinderungen sind in Österreich besonders häufig von Armut betroffen – und jetzt wächst die Angst vor neuen Einschnitten. Caritas und Lebenshilfe schlagen Alarm und warnen die Bundesregierung eindringlich vor weiteren Kürzungen im laufenden Budgetpoker.
Bei einem Medientermin in Wien fanden die Verantwortlichen deutliche Worte. "Dieses Budget ist nicht barrierefrei", betonten Klaus Schwertner, Caritasdirektor der Erzdiözese Wien, und Philippe Narval, Generalsekretär der Lebenshilfe.
Die Sozialorganisationen befürchten, dass erneut bei Inklusion und Teilhabe gespart wird. Narval sagte klar: "Die Politik sollte mit dem anstehenden Doppelbudget nicht wieder bei Menschen mit Behinderungen kürzen."
Schwertner ergänzte mit scharfer Kritik: "Größer als bauliche Barrieren sind jene, die Folge einer unverhältnismäßigen und überbordenden Sparpolitik sind. Der Bundesregierung muss Besseres einfallen, als erneut bei Inklusion und Teilhabe zu sparen!"
Wie schwierig die Lage am Arbeitsmarkt tatsächlich ist, zeigt das Beispiel von Selin Sahici. Die 21-Jährige geht offen mit ihrer Geschichte um. In ihre Bewerbungsunterlagen schreibt sie ehrlich, dass sie eine Sonderschule besucht hat und derzeit in einer Caritas-Tagesstätte arbeitet.
Doch genau diese Offenheit wird für sie oft zum Hindernis. Viele Firmen reagieren laut ihren Angaben gar nicht erst auf ihre Bewerbung oder schicken nur eine kurze Absage. Nur bei einem Möbelhaus gibt es derzeit Hoffnung auf ein Praktikum.
Im Jänner 2026 stieg die Arbeitslosigkeit unter Menschen mit Behinderungen um 13,9 Prozent. Die Armutsgefährdung liegt laut Statistik Austria bei 21,5 Prozent. Damit sind Betroffene wesentlich stärker gefährdet als der Durchschnitt der Bevölkerung.
Schwertner nennt konkrete Beispiele, wo bereits gespart wurde: "Die Kürzungen in der Sozialhilfe treffen Menschen mit Behinderungen besonders stark. Der Mobilitätszuschlag für die Zielgruppe wurde halbiert, Förderungen im Jugendcoaching gedeckelt, und in einzelnen Bundesländern verzeichneten Tagesstätten bereits Schließtage. Bitter ist auch: Statt den Ausbau inklusiver Bildung voranzutreiben, werden Sonderschulen wieder mehr. Das alles ist das Gegenteil von Teilhabe und Inklusion."
Besondere Sorge bereitet der sogenannte Ausgleichstaxfonds – ein zentrales Instrument für berufliche Inklusion. Daraus werden österreichweit 210 Projekte finanziert, die jährlich rund 110.000 Menschen auf dem Weg in Ausbildung und Arbeit unterstützen.
Doch nun drohen massive Einschnitte. Schwertner warnt: "Die gute Nachricht lautet: Der ATF hat sich als sehr wirksames Instrument zur beruflichen Inklusion bewährt. Er finanziert u.a. 210 Projekte in ganz Österreich, in denen jährlich 110.000 Menschen erfolgreich auf ihrem Weg in Ausbildung und Arbeit unterstützt werden. Die schlechte Nachricht: Die Bundesregierung hat für ihre Budgetzuschüsse zum ATF zwar zusätzliche Mittel in Aussicht gestellt. Diese sollen aber laut aktuellem Budgetpfad drastisch abnehmen."
Konkret könnten die Mittel von 65 Millionen Euro heuer auf nur noch 15 Millionen Euro im Jahr 2029 sinken – ein Rückgang um rund drei Viertel.
Auch im Bereich Sozialhilfe sei die Situation dramatisch. Schwertner erklärt: "Über 20 Prozent der Sozialhilfebezieher*innen leben mit einer Behinderung. Die Kürzungen, die die unterschiedlichen Bundesländer hier vornehmen, treffen diese Zielgruppe besonders hart. Sonderzahlungen wurden halbiert, Wohnkostenpauschalen und Behindertenzuschläge wurden gekürzt, und die Anrechnung der erhöhten Familienbeihilfe führt dazu, dass weniger Mittel für Hilfsmittel und Therapien zur Verfügung stehen."
Caritas und Lebenshilfe fordern deshalb rasche Reformen: "Die anstehende Reform der Sozialhilfe bietet die Chance, diese Fehler in Zeiten steigender Preise und hoher Inflation zu korrigieren und eine bundesweit einheitliche und armutsfeste Sozialhilfe auf den Weg zu bringen."
Ein weiterer Aufreger: Rund 30.000 Menschen mit Behinderungen arbeiten in Österreich in Werkstätten – oft nur für ein Taschengeld. Narval fordert: „Wir brauchen endlich den politischen Willen, Menschen mit Behinderungen den Weg in echte, sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu öffnen".
Auch das Schulsystem steht in der Kritik. Sonderschulen und Regelschulen laufen parallel – mit doppelten Kosten und mäßigem Erfolg. Laut Studien schaffen nur sechs Prozent der Jugendlichen nach einer Sonderschule direkt den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Die Forderung der Organisationen ist klar: mehr Inklusion statt neuer Sonderschulen.