Wenn auf der Bobbahn oder auf der Tofana gerade keine Medaillenentscheidungen anstehen, zieht es einen fast automatisch ins "Stadio olimpico del ghiaccio", der Curling-Arena von Cortina. Rund 2.400 Menschen finden in der Eishalle Platz, und kaum eine Session vergeht ohne gute Stimmung. Das Eis ist gedrittelt, drei Partien laufen gleichzeitig. Bevor die Steine gleiten, wird dem Publikum mit "I Like to Move It" aus dem Film Madagascar eingeheizt. Curling, oft als stille Präzisionssportart belächelt, präsentiert sich hier überraschend lebendig.
Gerade in Österreich wird der Sport gerne unterschätzt, mitunter mit unflätigen Vergleichen bedacht, als handle es sich um eine Disziplin, die niemand wirklich brauche. In Cortina zeigt sich, wie falsch dieses Bild ist. Curling ist ein Spiel der Millimeter. Zwei Teams mit je vier Spielern versuchen, ihre Steine möglichst nahe an das Zentrum des Zielkreises, das "Haus", zu platzieren. Gewischt wird nicht aus Showgründen, sondern um Tempo und Richtung zu beeinflussen. Gespielt wird End für End, gerechnet wird am Schluss. Es ist ein taktisches Duell, bei dem Geduld und Präzision über Sieg oder Niederlage entscheiden.
Weltweite Aufmerksamkeit erhielt das Olympische Turnier jedoch nicht aufgrund eines perfekten Steins, sondern wegen eines Streits. Schwedische Vorwürfe gegen den Kanadier Marc Kennedy, er habe einen Stein nach dem Loslassen noch einmal berührt – ein sogenannter "Double Touch" – sorgten für hitzige Diskussionen. Auf dem Eis selbst fiel im Wortgefecht ein deutlich hörbares „Fuck off” von Kennedy, das von den Kameras eingefangen wurde. Binnen Stunden griffen internationale Medien den Vorfall auf. Plötzlich berichteten große Nachrichtenportale über Curling – nicht wegen der Taktik, sondern wegen des Konflikts.
Wie es eigentlich gedacht ist, zeigte dagegen das Duell am Tag darauf zwischen Deutschland und Schweden. Als ein deutscher Spieler versehentlich einen gegnerischen Stein streifte, sprachen beide Teams sofort miteinander, lächelten, korrigierten gemeinsam die Position. Kein Protest, keine Schlagzeilen, kein Nachtreten.
Vielleicht liegt genau darin der Reiz dieses Sports. Im "Stadio olimpico del ghiaccio" wechseln sich Jubel, Musik und taktische Millimeterarbeit ab – und am Ende entscheiden nicht nur die Steine, sondern auch der Umgang miteinander. Manchmal reicht ein kurzes Gespräch auf dem Eis, um zu zeigen, wofür Curling wirklich steht.