Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen direkt an den Wiener Schulen: Im Oktober 2024 präsentierten Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) und Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) die multiprofessionellen Teams als Antwort auf die zunehmenden psychosozialen Belastungen von Kindern und Jugendlichen.
Die Pläne waren ambitioniert: Im Endausbau bis Ende 2026 sollten 17 Teams zu je vier Personen dauerhaft 52 Wiener Pflichtschulstandorte mit rund 15.000 Schülern betreuen. Zusätzlich waren zwei mobile Teams für alle Schulbezirke vorgesehen.
Doch zu diesem Endausbau wird es nicht mehr kommen – wie die Stadt kurz vor Schulbeginn bekannt gab. Die multiprofessionellen Teams der Psychosozialen Dienste Wien (PSD) werden schrittweise zurückgefahren und sollen ihre Tätigkeit an den Schulen mit Ende des Schuljahres vollständig einstellen. Aktuell betreuen sie laut Stadt 29 Standorte in drei Bezirken.
Wie viele Mitarbeiter davon betroffen sind, zeigt laut ÖVP eine frühere Anfragebeantwortung von Hacker. Mit Stichtag 27. Juni 2025 waren 46 Personen in den multiprofessionellen Teams beschäftigt – elf in Vollzeit und 35 in Teilzeit. Zusammengerechnet entsprach das 34,5 Vollzeitäquivalenten.
Hintergrund der Entscheidung ist der mit diesem Schuljahr startende Chancenbonus des Bundes. Dieser soll besonders belasteten Schulen zusätzliche Personalressourcen bringen. Die Stadt argumentiert, dass sich Aufgaben des Chancenbonus mit jenen der multiprofessionellen Teams überschneiden. Doppelgleisigkeiten wolle man vermeiden.
"Wien streicht 34 Vollzeitkräfte für die psychosoziale Unterstützung an Wiens Schulen. Als Ausrede wird der Chancenbonus benutzt, der ZUSÄTZLICHE Personalressourcen an sozioökonomisch benachteiligte Wiener Schulen bringen soll. Das ist fahrlässig, verantwortungslos und zynisch", erklärt ÖVP-Bildungssprecher Harald Zierfuß.
Hacker betont, dass es keinen abrupten Schnitt geben werde: "Ein Systemwechsel darf nicht dazu führen, dass funktionierende Unterstützung von einem Tag auf den anderen abbricht." Bereits begonnene Betreuungen sollen abgeschlossen oder übergeben werden. Beschäftigte der auslaufenden Teams könnten laut Stadt in Abstimmung mit der Bildungsdirektion unter anderem im Rahmen des Chancenbonus, der Schulsozialarbeit oder der Schulpsychologie aufgenommen werden.
Die ÖVP hält dagegen, dass der Chancenbonus zusätzliche Ressourcen bringen und bestehendes Personal nicht ersetzen sollte. Dabei verweist sie auf die ohnehin dünne Versorgung mit Schulsozialarbeitern.
Eine Anfragebeantwortung von Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (Neos) zeigt: Mit 1. Oktober 2025 waren an öffentlichen Wiener Pflichtschulen 74 Schulsozialarbeiter (entspricht 58,19 Vollzeit-Äquivalenten) tätig.
"Für 469 Wiener Pflichtschulen gab es im vergangenen Schuljahr gerade einmal 58 Vollzeit-arbeitende Schulsozialarbeiter. Wir sind Lichtjahre davon entfernt, dass jede Pflichtschule auch die Unterstützung eines Schulsozialarbeiters hat. Stadtrat Hacker spart hier wieder einmal am falschen Ort und sabotiert damit den Chancenbonus für sozioökonomisch benachteiligte Wiener Schulen", so Zierfuß.
Auch ÖVP-Gesundheitssprecherin Ingrid Korosec kritisiert die Entscheidung: "Die psychischen Belastungen von Kindern und Jugendlichen haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Umso wichtiger ist es, dass Hilfe dort verfügbar ist, wo junge Menschen einen großen Teil ihres Alltags verbringen, nämlich direkt in der Schule. Unsere Kinder und Jugendliche brauchen mehr Psychologen, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen und können auf keinen einzigen von ihnen verzichten."