Wien-Wahl wird für Spitzenkandidaten "zum ersten Mal"

Wahlkampf-Erfahrung haben sie alle, Spitzenkandidat war mit H.C. Strache bisher nun einer. Die Wien-Wahl wird für die Parteichefs zum Premierenlauf.
  • Louis Kraft
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Louis Kraft

Am 11. Oktober wählt Wien einen neuen Landtag, Gemeinderat sowie neue Bezirksvertretungen. Welche Partei es auf die Wahlliste schafft, ist noch offen. Erst am 28. August liegt der offizielle Wahlvorschlag vor, "Heute" hat berichtet. Doch es gilt als fast fix, dass auch Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache bei der Wien-Wahl mitmischen wird.

Er hat zweifelsohne die größte Wahlkampferfahrung aller Parteichefs. Die Vorsitzenden der übrigen, bereits im Gemeinderat und Landtag vetretenen Parteien, haben jedoch ein Debüt vor sich. Denn sowohl Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ), Vizebürgermeisterin Birgit Hebein (Grüne), Finanzminister Gernot Blümel (ÖVP), der neue FPÖ-Chef Dominik Nepp sowie Neos-Chef Christoph Wiederkehr übernahmen ihre Funktionen an der Spitze der Partei und die Aufgabe als Spitzenkandidat erst nach der letzten Wien-Wahl am 11. Oktober 2015.

Michael Ludwig: Vom Wohnbaustadtrat bis Titelverteidiger

Michael Ludwig, von 2007 bis 2018 Stadtrat für Wohnen, Wohnbau und Stadterneuerung folgte im Mai 2018 auf seinen Vorgänger, Langzeit-Bürgermeister Michael Häupl. Zuvor setzte er sich in einem Duell gegen den nunmehrigen Delegationsleiter der SPÖ im EU-Parlament, Andreas Schieder durch. Heuer muss er erstmals als Spitzenkandidat ran und für die SPÖ den Bürgermeister-Titel und Platz 1 verteidigen.

Birgit Hebein: Mit Grünen Kernthemen aus dem "roten Schatten"

Vizebürgermeisterin und Verkehrsstadträtin Birgit Hebein war neun Jahre lang Gemeinderätin und Landtagsabgeordenete der Grünen Wien. Im Juni 2019 löste die ehemalige Sozialsprecherin ihre schon längst nicht mehr unumstrittene Vorgängerin Maria Vassilakou ab. Was Vassilakou mit der ersten rot-grünen Koalition in Wien begann, will Hebein fortführen.

Mit Pop-Up-Radwegen, "coolen Straßen plus" und nicht zuletzt den Plänen zu einer weitgehend "autofreien" City zeigt Hebein  aber zuletzt, dass sie ihrem Seniorpartner aber nicht die Bühne überlassen will. Die Grüne Basis freut es, die Autofahrer zählen derzeit aber nicht zu Hebeins Fanclub.  

Gernot Blümel: Zwischen Finanzministerium und Rathaus

Mangelnde Wahlkampferfahrung kann man dem Chef der Wiener ÖVP, Finanzminister Gernot Blümel nicht vorwerfen. Als loyaler Begleiter von Bundeskanzler Sebastian Kurz war Blümel bei Nationalratswahlen und EU-Wahlen dabei. Parteichef wurde Blümel, nachdem sein Vorgänger Manfred Juraczka (derzeit Finanz- und Verkehrssprecher der ÖVP Wien) nach dem schlechten Ergebnis bei der Wien-Wahl 2015 das Handtuch schmiss. Die damals noch "schwarze" ÖVP erreichte vor fünf Jahren nur 9,2 Prozent, ein Minus von 4,75% im Vergleich zu 2010. 

Dass es bei der heurigen Wahl nach oben geht, gilt als fix. In manchen Umfragen erreicht die ÖVP gar bis zu 20 Prozent, kann demnach ihr Ergebnis also mehr als verdoppeln. Eine doppelte Rolle muss Blümel auch im Wahlkampf spielen, wenn auch selbst gewählt. Denn auf die Frage, ob er nach der Wien-Wahl Minister bleiben oder Vizebürgermeister mit Ressort werden will, ließ er vorerst offen.

Dominik Nepp: Neuer Parteichef vor alten blauen Scherben

Natürlich: Jeder Parteichef hat einen Vorgänger und vermutlich ist auch nicht jeder neuer Parteichef mit allen Taten seines Vorgängers einverstanden. Für Dominik Nepp ist die Ausgangslage aber eine besonders schwierige. Er steht nicht nur vor den Scherben, den sein Ex-Chef Heinz-Christan Strache mit der Ibiza-Affäre auslöste, sondern muss sich nun auch noch mit Strache als Gegenkandidaten auseinander setzen.

Die FPÖ liegt seit Monaten weit unter ihren Werten von 2015. In der "Sonntagsfrage", die im Auftrag von "Heute" gestellt wurde, gaben nur acht Prozent an, die FPÖ wählen zu wollen. Vor fünf Jahren erreichte die FPÖ noch 30,79%, legte im Vergleich zu 2010 um rund 5% zu.

Im Gegensatz zu SPÖ und ÖVP haben die Freiheitlichen ihre Wahllisten noch nicht beschlossen, auch die offizielle Wahl von Nepp zum Spitzenkandidaten steht aus. Das ist jedoch nur eine Formalfrage, niemand zweifelt daran, dass Nepp an der Spitze der FPÖ in die Wahl gehen wird.

Christoph Wiederkehr: Pinker Chef will neues "normal" für Wien

Keine Altlasten aufräumen muss hingegen Neos Wien-Chef Christoph Wiederkehr. Der gebürtige Salzburger sitzt seit 2015 im Gemeinderat, am 5. Juli 2018 wurde er als Nachfolger von Beate Meinl-Reisinger (die wiederum als Nachfolgerin von Ex-Neos-Chef Matthias Strolz in den Nationalrat wechselte) neuer Klubchef, im darauffolgenden Herbst auch Parteichef. 

Mit der Kampagne "Normal ist das nicht", versuchen sich die Neos unter Wiederkehr als Aufdecker-und Kontrollpartei zu inszenieren. Glaubt man den Umfragen, kommen die Stadt-Pinken damit aber nicht recht vom Fleck: 2015 erreichten die Neos 6,16%, aktuell werden ihnen rund sieben Prozent zugerechnet. Auch bei den Neos steht die endgültige Kandidatenliste noch aus, diese soll nächste Woche beschlossen werden. 

H.C. Strache: Das erfahrenste, aber beschädigste Zugpferd

Im "Heute"-Interview hatte Politik-Profi Thomas Hofer H.C. Strache als "mit Sicherheit den erfahrensten, aber auch am beschädigsten" Spitzenkandidaten bezeichnet. Damit steht Strache allerdings auch in seiner Liste recht alleine da. Seine MItstreiter, allen voran Karl Baron, Klaus Handler und Dietrich Kops (sie gründeten Ende 2019 'Die Allianz für Österreich' , die später auf 'Team HC Strache – Allianz für Österreich' umbenannt wurde). 

Obwohl Baron, Handler und Strache als Gemeinderäte freilich Erfahrung in der Politik haben, eine Wahlkampagne haben sie bis dato nicht auf die Beine gestellt. Wohl auch ein Grund, warum sich Strache Gernot Rumpold als Unterstützung holte. Rumpold galt lange als Jörg Haiders "Mann fürs Grobe".

Ob Strache genug Unterschriften sammeln kann, um bei der Wien-Wahl auch wienweit antreten zu können (dazu braucht er zumindest 2.950 Stimmen), wird sich Mitte August entscheiden. Um den Einzug in den Landtag und den Gemeinderat zu schaffen, muss das Team Strache die Fünf-Prozent-Marke knacken. In der "Heute"-Sonntagsfrage ging sich das knapp aus.

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