Frau I. ist 76 Jahre alt, lebt allein und ist seit Langem geschieden. Als sie den Brief über den Kontaktbesuchsdienst liest, ist sie aufmerksam geworden – und lädt eine Kontaktbesucherin zu sich ein. Beim Gespräch wird schnell klar: Sie kümmert sich um arme Familien in ihrem Wohnbau, macht vieles für andere – doch wenn sie selbst einmal etwas braucht, weiß sie nicht, an wen sie sich wenden kann.
Die Besucherin hört zu, beantwortet Fragen und informiert sie – etwa über das Wohnen im höheren Alter und darüber, wie man eine Vorsorgevollmacht organisiert. Frau I. denkt darüber nach, ob ihre Nichte das übernehmen könnte, denn ihre Tochter – selbst erst 43 – ist nach einem Unfall behindert. Sie wird sich im Ernstfall nicht um ihre Mutter kümmern können.
Bei Frau E. (77) ist die Anspannung groß, als die Kontaktbesucherin kommt. Ihr Mann, Herr E. (81), soll im September operiert werden. "Leider arbeitet unser Sohn im Ausland", sagt sie gleich zu Beginn – und erklärt, wie sie sich jetzt schon Sorgen macht. Er werde wochenlang auf Krücken gehen müssen, könne dann nicht mehr mit dem Auto fahren, keine Wäsche mehr in die Waschküche tragen, nicht allein ins Bad steigen. Sie wirkt erschöpft – es wird zu viel werden, sagt sie.
Herr E. sitzt still auf der Couch. Auf die Erzählung seiner Frau reagiert er knapp: "Mei Frau übertreibt ollas, wird scho irgendwie gehn." Die Kontaktbesucherin informiert beide über Unterstützungsmöglichkeiten im Haushalt, erklärt, was über den Fonds Soziales Wien organisiert werden kann, und gibt Hinweise, wie man – falls nötig – Pflegegeld beantragen kann. Für das Ehepaar sind es wichtige Informationen, um vorbereitet zu sein.
Das Angebot des Kontaktbesuchsdienst richtet sich an alle – auch an Menschen mit anderen Muttersprachen. Wer nicht gut Deutsch spricht, soll dennoch Zugang zu allen Informationen bekommen. Damit das gelingt, werden laufend ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht – besonders jene, die neben Deutsch auch andere Sprachen beherrschen.
Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen – meist selbst in Pension – kennen die Bedürfnisse älterer Menschen gut. Sie beraten zum Beispiel zu Themen wie Pflegegeld, Unterstützungsangeboten im Alltag, rechtlicher Vorsorge, aber auch Freizeitmöglichkeiten. Ziel ist es, älteren Menschen zu zeigen, dass es in Wien viele Möglichkeiten gibt – kostengünstige bis kostenlose Angebote, damit niemand allein daheim bleiben muss.
Ein wichtiger Teil der Beratung ist auch die Vorsorge: Was kann ich jetzt tun, damit ich in meiner eigenen Wohnung gut leben kann – auch wenn ich gebrechlicher werde? Welche Hilfsmittel oder Wohnraumanpassungen sind sinnvoll? Wie bereite ich mich rechtlich vor, etwa mit einer Patientenverfügung oder einer Erwachsenenvertretung?
Auch wer Angehörige pflegt, bekommt Unterstützung: Der Kontaktdienst informiert und vermittelt zu passenden Stellen. Manche Betroffene rufen nach dem ersten Brief an – andere warten, bis die Situation ernst wird. In vielen Fällen ist der Besuch der Moment, in dem klar wird, dass es Hilfe gibt – und dass man nicht alles allein bewältigen muss.
Der Kontaktdienst lebt von Freiwilligen. Gesucht werden Menschen mit Herz, Zeit und Verlässlichkeit – gern auch mit anderen Muttersprachen. Die Voraussetzungen: gute Deutschkenntnisse, Mobilität (also „gut zu Fuß“) und Freude daran, älteren Menschen Zeit zu schenken. Wer sich engagieren will, wird eingeschult, begleitet – und trifft oft auf offene Arme. Denn die Dankbarkeit, die den Besucherinnen und Besuchern entgegenschlägt, ist groß.
Und oft ist es nur ein einziger Besuch, der einen Menschen wieder zurück ins Leben holt. Ein Gespräch, das etwas in Bewegung setzt. Ein Lächeln, das Mut macht. In Wien muss niemand im Alter allein bleiben – wenn man weiß, dass es dieses Angebot gibt. Jetzt braucht es nur noch mehr Menschen, die es hinaus in die Stadt tragen.